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Donnerstag, 28. November 2013

Nachweis extraterrestrischer Neutrinos im Eis der Antarktis

Einem Artikel mit dem Titel "Gesellschaft für Ernie und Bert" von Christian Speicher in der NZZ vom 27.11. ist zu entnehmen, dass das Neutrino-Observatorium in der Antarktis den Nachweis weiterer 26 hochernergetischer Neutrinos bekannt gemacht hat. Was den Verdacht erhärtet, dass sie von ausserhalb des Sonnensystems stammen.

Science http://www.sciencemag.org/content/342/6161/1242856
IceCube South Pole Neutrino Observatory http://icecube.wisc.edu/

Montag, 25. November 2013

"Xavier Mertz. Verschollen in der Antarktis" - Buchvernissage und Ausstellungseröffnung

Dem ersten Schweizer, der die Antarktis als Teilnehmer einer australischen Expedition bereisen konnte, Xavier Merz (1882-1913), Jurist und Schweizer Meister im Skilaufen, ist ein zweibändiges Buch gewidmet, dessen Erscheinen gleichzeitig mit der Eröffnung einer Fotoausstellung im Naturhistorischen Museum Basel am Freitag, 19. November 2013 gefeiert wurde.

Echzeit Verlag http://www.echtzeit.ch/buecher.php?id=239
Autoren http://www.echtzeit.ch/buecher.php?id=239&s=2

"Xavier Mertz. Verschollen in der Antarktis. Fotografien eines Abenteuers." Fotoausstellung: 30. November 2013 bis 30. März 2014. Zusammenarbeit: Naturhistorisches Museum Basel, Staatsarchiv Basel-Stadt und Echtzeit Verlag. http://www.nmbs.ch/home/ausstellungen/archiv/xavier-mertz.html

 
Verschnaufpause im antarktischen Herbst 1912, Fotograf Xavier Mertz, Staatsarchiv BS, AL 48, 1-21

Samstag, 23. November 2013

Captain Margrith Ettlin

Der ersten Schweizerin mit einer Hochsee-Kapitänslizenz ist am 7. August 2013 in Reykjavik das Kommando für das Expeditionsschiff Silver Explorer übertragen worden. Für Silversea Expeditions befährt die Pfäffikonerin das Luxus-Kreuzfahrtschiff der Eisklasse A1 (Zulassung bis bis 0,8 m Eisdicke) auch die Gewässer der Arktis und Antarktis.

Silversea http://www.silversea.com/expeditions/meet-team/captains/?staff=16835
SRF: http://www.srf.ch/sendungen/aeschbacher/ja-das-leben

Mittwoch, 20. November 2013

Arktis und Antarktis in Schweizer Schul- und Kinderzimmern (Teil 1)

Wie es dazu gekommen sei, dass ich mich ausgerechnet für die Polargebiete und deren Entdeckungsgeschichte interessiere, wurde ich schon mehrmals gefragt. Mit Reisen in die Alpen begann es. Darauf ging's in den Norden. Später ergab dann das Eine das Andere. Soviel zur Rekonstruktion oder "Erinnerungsarbeit". Doch was hatte eigentlich den Anstoss dazu gegeben? Lange blieb das im Dunkeln. Eines Tages drückte mir meine Mutter die Ikonen meiner Kindheit in die Hand: einen Stapel mit Kinder- und Jugendbüchern. 

Inhalt von Bubenträumen (SJW 931)
Der Umschlag eines Heftchens, das sich darunter befand und das ich mit sieben oder acht Jahren bekommen hatte, rief mir schlagartig ins Bewusstsein, dass dieses Heft wohl die Zündung für diesen Spleen ausgelöst hatte. Wer kennt sie nicht, die SJW-Hefte!

"Die unendlichen Mühen und Leiden Nansens und seines Gefährten, ihr dreijähriger Kampf in Nacht und Eis, lesen sich, wie wenn sich das grosse Abenteuer im letzten Winter abgespielt hätte. So plastisch vermag die Autorin die weltberühmt gewordene Heldenfahrt darzustellen. Das Heft schenkt echteste und wahre Lesenahrung für abenteuerbegeisterte Knaben und auch Mädchen." So die wohl an Lehrer und Eltern adressierten Worte auf der Rückseite des 1966 veröffentlichten Hefts, das von Mary Lavater-Sloman (1891-1980) verfasst und von Werner Hofmann mit Federzeichnungen illustriert worden war.

Mythos Nord- und Südpol
Hier soll gezeigt werden, wie einer der Mythen des 20. Jahrhunderts, die Entdeckung und Erforschung der Polargebiete, in Schweizer Kinderzimmer und Schulstuben "transportiert" wurde. In einem später erscheinenden Beitrag sollen dann Kinderzeichnungen gezeigt werden, in denen sich dieser Mythos ebenfalls seinen Niederschag gefunden hat. Und auch, wie dieses Thema in der Schulstube vermittelt wurde. Ein Anspruch auf den vollständigen Nachweis aller in der Schweiz erschienenen Publikationen oder auf eine erschöpfende Behandlung des Themas, soll nicht erhoben werden. So liesse sich der Frage nachgehen, welche Werte in diesem Genre vermittelt werden sollten. Entschluss- und Tatkraft, Leidensfähigkeit und Durchhaltevermögen?

... und geplatzte Träume von Männern (SJW 353)
An der Biographie des Autors Ernst Jüngers (1895-1998) lässt sich beispielhaft ablesen, welche Triebkraft die aus Lektüre gewonnene Imagination freisetzen kann: Dem Vielleser war im Knabenalter Stanleys "Im dunkelsten Afrika" von der Grossmutter zum Geburtstag geschenkt worden. "Dass es noch Wildnisse gab, die nie ein Fuss beschritten hatte: dies zu wissen, bedeutete für mich ein grosses Glück."

Achtzehnjährig geworden, bereitete sich der Gymnasiast während der Sommerferien 1913 auf die klimatischen Bedingungen in Afrika vor, indem er die sonnigen Stunden im elterlichen Gewächshaus verbrachte, wo es "infernalisch heiss und schwül" wurde, wie sich der jüngere Bruder Friedrich Georg erinnert hat. Drei Monate später, nachdem Ernst Jünger die Grenze zu Frankreich überwunden hatte, meldete er sich bei der Fremdenlegion in Verdun. Kaum in der algerischen Garnison Sidi-Bel-Abbès angekommen, nutzte er die erstbeste Gelegenheit und floh nach Marokko. Denn von dort aus wollte er seinen Traum von einem freien und abenteuerlichen Leben in Afrika verwirklichen. Der Versuch misslang kläglich und nach seiner Gefangennahme wurde er mit Kerker bestraft. Juristische und diplomatische Interventionen ermöglichten ihm einige Wochen später die Heimkehr ins elterliche Haus in Rehburg. Noch in Afrika erreichte Jünger ein Telegramm seines Vaters; darin der Satz: "LASZ DICH PHOTOGRAPHIEREN".

Fehlende Klassenlektüre 
Der Zürcher Sekundarlehrer W. Hintermann konzipierte um 1920 die Reihe "Schweizer Jugendschriften", weil es an geeigneter Klassenlektüre fehlte. Als Herausgeber fungierte dabei das Jugendamt der Stadt Zürich. Produziert und verlegt wurden die für zwanzig Rappen erhältlichen Heftchen im aufstrebenden Hallwag-Verlag in Bern.

Nebenstehender Umschlag, der von einem unbekannten Künstler gestaltet wurde, zeigt Alfred de Quervain (1879-1927) in markanter Pose in seinem eigens für ihn angefertigten Kajak. Sein Bericht "Schweizerische Grönlandexpedition" über die Reise entlang der Westküste sowie die Durchquerung des grönländischen Inlandeises im Jahr 1912 machte den Auftakt in dieser Reihe. Der Verlag lancierte aber noch mindestens eine weitere Ausgabe unter dem Titel "Jugendbücher - Schweizer Forschungsreisen". Dabei wurden mehrere Titel aus der Reihe "Schweizer Jugendschriften"  zu einem Band mit einem Umfang von etwa 150 Seiten zusammengeheftet. Neben de Quervains Reisebericht enthält diese Ausgabe auch "Meine Reise nach Abessinien" sowie "Indien" von Ulrich Kollbrunner. Dieser weitgereiste Schulmann veröffentlichte später auch noch Berichte von seinen Fahrten nach Sumatra, den Philippinen und nach Südchina. 

Das Schweizerische Jugendschriftenwerk
Das bis heute bestehende Schweizerische Jugendschriftwerk  (SJW) wurde 1931 von Lehrern gegründet, um "guten" Lesestoff zu vermitteln. Ihr Kampf galt nämlich der "Schmutz- und Schundliteratur" in Form von Heftchen, die als Serien konzipiert ("John King's Erinnerungen", "Frank Allan, der Rächer der Enterbten") und meist deutschen Ursprungs waren. Der "lenkenden Hand", d.h. der Kontrolle von Behörden, Lehrern und Eltern, waren sie entzogen, weil sie von Tabakhändlern, Coiffeuren, Bademeistern, aber auch von Schülern und Eltern vertrieben, weitergereicht oder getauscht wurden. 1926 war in Deutschland das "Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften" in Kraft getreten und die Folge war, dass die Verleger den Absatz ihrer Erzeugnisse in die Schweiz verlegten. Ihre Sprache war zwar schlicht, doch inhaltlich konnten sie kaum beanstandet werden: Die Titelhelden standen stets im Kampf gegen das Böse in der Welt und Erotisches wurde kaum tangiert. Doch Titel ("Das Frauenhaus in Kairo", "Die Dame mit dem Leberfleck") und Umschläge waren reisserisch aufgemacht.

Als ein ertappter Zürcher Sekundarschüler auf Anhieb 48 Titel von solch "untergeistigen" Heften auswendig niederschreiben konnte ("In den Händen der Thugs" oder "Die vier Masken" etc.), war das Entsetzen in der Lehrerschaft gross; sie war an einem klassischen Literaturkanon geschult worden. "Vater und Mutter lesen auch, die Mutter raucht dazu", rechtfertigte ein anderer Knabe sein Treiben. Mittels einer gross angelegten Schülerbefragung in der Stadt Zürich wurde darauf die Sache genauestens untersucht und die Ergebnisse öffentlich gemacht; die "alte Tante", die Neue Zürcher Zeitung, bot das Sprachrohr dazu.

Das Schweizerischen Jugendschriftenwerk will "gute, zeitgemässe und preiswerte Literatur in den vier Landessprachen anbieten" (Website). Für Schweizer Verhältnisse werden hohe Auflagen erzielt (bis 20'000 Exemplare) und bis heute sind gegen 50 Millionen Exemplare abgesetzt worden. Ermöglicht wird das durch eine einfache und effiziente Absatzorganisation mit regionalen Vertriebsleitern und durch "Lehrpersonen".

Die Mission des SJW galt damals allerdings nicht allein der Verbreitung von Werten und Tugenden. Es ging auch um ökonomische Interessen: Schweizer Verlage, Buchhändler, Drucker, Schriftsteller und Illustratoren fühlten sich von der ausländischen Konkurrenz bedroht, worauf sie nach Wegen suchten, sich dagegen zu behaupten. Felix Moeschlin (1882-1969), Autor und Präsident des Schweizerischen Schriftstellerverbandes, stellte anlässlich der Gründung des Schweizerischen Jugendschriftenwerkes Kapital zur Verfügung; mit der Auflage, dass in den Publikationen des SJW Schweizer Autoren der Vorrang eingeräumt werden müsse. Kinder und Jugendliche waren von den Verlagen als Zielpublikum noch kaum erkannt worden und von Lehrern und von anderer Seite wurde beklagt, dass für Kinder und Jugendliche kaum adäquate Lektüre zur Verfügung stehe. Spannend und unterhaltend sollte sie sein. Es mangelte auch an praktischen Anleitungen, um Beobachtungen vor der Haustür oder Experimente mit einfachen Mitteln durchführen zu können. Auch gab es noch kein flächendeckendes Bibliotheksnetz, wie das heute als eine Selbstverständlichkeit betrachtet wird.

SJW-Heft Nr. 336 (ca. 1950)
Im Kampf gegen "Schund- und Schmutzliteratur"
"Anziehende, farbig gediegene Titelbilder von Heften sollten im Kampf gegen die schreienden Umschlagzeichnungen der Schundschriften obsiegen", lautete die anonym ausgegebene Devise in einem Beitrag zum 20-Jahr-Jubiläum des SJW in der Schweizerischen Lehrerinnenzeitung. Dass es an Dramatik auf den Umschlägen der SJW-Hefte nicht mangelte, sie es mit den kritisierten "Schundschriften" durchaus aufnehmen konnten, belegt nebenstehende Umschlagillustration. Sie zeigt den Moment, als am 25. Mai 1928 das Luftschiff Nobile unter dem Kommando Umberto Nobiles im arktischen Packeis havarierte. Schwerverletzt überlebten Nobile und ein Teil seiner Mannschaft. Während das Luftschiff und der Rest der Mannschaft verschollen blieben, konnten der commandante und ein Teil seiner Leute nach aufwendigen Suchaktionen von einem russischen Eisbrecher gerettet werden. Dass diese Umschlagillustrationen eine mächtige Fasziniation auf die jungen Leser ausüben musste, weil die Bildsprache suggestiv gehalten war, soll durch weitere Beispiele belegt werden.

SJW-Heft Nr. 353 (1950)
Wüsste man nicht, dass das Unternehmen des schwedischen Ingenieurs Salomon August Andrée in einer Tragödie geendet hatte, liesse sich die nebenstehende Szene auch als ein Bühnenbild in einem Stück mit dem Titel "Arktische Spiele" lesen. Mit zwei Begleitern trat Andrée im Sommer 1897 von Spitzbergen aus die Fahrt in einem wasserstoffgefüllten Ballon zum Nordpol an. Allerdings strandete der Ballon bereits nach etwas mehr als 60 Stunden auf dem Packeis. Die Technik hatte sich als völlig unzulänglich erwiesen. Den drei gelang es, sich der am weistesten im Osten gelegenen Insel des Spitzbergen-Archipels, nach Kvitøya, zu retten. Drei Dekaden später entdeckte man dort ihre Leichen, zusammen mit Teilen ihrer Ausrüstung. Fotoplatten waren auch darunter, die entwickelt werden konnten. In feinstem Korn waren darauf die Stationen ihres Leidenswegs festgehalten. Andrée hatte einen halsbrecherischen Versuch gewagt und war in Ehren untergegangen - Das war der Stoff, der junge und alte armchair explorer damals fesselte. 

SJW-Heft Nr. 305 (1948)
Vor Augen halten muss man sich auch, dass mehrfarbige Abbildungen damals viel weniger häufig waren als heute. Der "visuelle Alltag" in Druckerzeugnissen war weitgehend in Grautönen gehalten, während heute schwarzweisse Abbildungen Exklusivität vermittelt. Die Herstellung von Farbdrucken war damals mit einem grossen drucktechnischen Aufwand verbunden und deshalb kamen sie nur in Massenauflagen oder in teuren Druckerzeugnissen in Frage. Stets wiesen die SJW-Hefte einen Umfang von 32 Seiten auf; das entsprach zwei Druckbogen und trug ebenfalls zur kostengünstigen Produktion bei.

Auch Scotts und Amundsens Duell um den Südpol 1911/12 bot Spannung. Mit Hunden war der hartgesottene Profi Amundsen dorthin und zurück an die Küste fast "geflogen". Währendessen rackerten sich Scott und seine Leute mit Motorschlitten und Ponys ab. Die Schlitten schliesslich selbst ziehend, nahmen er und seine Crew ein schauerliches Ende. Trotz des Misserfolgs des Unternehmens, wurde es von der Presse in England zur Heldentat hochstilisiert. Willi Schnabel, der diesen Umschlag gestaltete, illustrierte insgesamt mehr als drei Dutzend SJW-Hefte.

SJW-Heft Nr. 11
Vergleicht man den rechts abgebildeten Umschlag aus dem Jahr 1932 mit untenstehender Abbildung vom 614. Heft, das um 1960 veröffentlicht wurde, so zeigt sich, dass sich der künstlerische (und inhaltliche) Anspruch im Lauf der Zeit offensichtlich veränderte. Während sich die ersten Hefte des Schweizerischen Jugendschriftenwerks neben der inkriminierten Konkurrenz mit ihren spannungsverheissenden Skandalgeschichten zu behaupten hatten, so scheint an Stelle des ursprünglichen Furors eine gewisse Gelassenheit getreten zu sein. Künstlerisch anspruchsvollere Illustrationen und Inhalte konnten produziert werden. Dies mag auch in veränderten personellen Konstellationen im Vorstand und in der Verlagsleitung in Zusammenhang stehen. Sicher aber damit, dass sich das SJW, das inzwischen eine breite Unterstützung in der Lehrerschaft und bei den Behörden genoss, sich zu einem "sicheren Wert" entwickelt hatte.

SJW 614 (ca. 1960)
Der Umschlag des nebenstehenden Hefts wurde vom 1929 geborenen Grafiker und Fotografen Leonardo Bezzola geschaffen. Augenfällig ist das technische Arsenal. Während auf der Illustration des knapp zwanzig Jahre früher erschienenen Hefts ein monstöses Walross die Szenerie dominiert, sind Tiere hier nur noch Staffage. Im Mittelpunkt steht ein konzentriert am Theodolit arbeitender Forscher. Und wie hatte sich in der Zwischenzeit die Erforschung der Polargebiete verändert! Mit der Traversierung des Nordpols im Flugzeug im Jahr 1926 war Richard Evelyn Byrd, der hier dargestellt ist, seinem Rivalen Amundsen zwei Tage früher zuvorgekommen. Drei Jahre später überflog Byrd als Erster auch den Südpol. Nach dem Krieg, und inzwischen zum Admiral befördert, unterstand Byrd 1946 die bisher grösste Expedition in die Antarktis. 4'700 Mann und 13 Schiffe kamen zum Einsatz. Dabei wurden 200'000 km2 Landfläche aufgenommen und fast 2'500 km Küstenlinie fotografiert und kartiert. Dies erforderte eine militärisch straff organisierte Planung und Durchführung, deren rationaler Geist Bezzola hier zum Ausdruck gebracht hat.

Literatur und Quellen
Běhounek, Frantisek: Schiffbruch im Luftmeer. Nacherzählt von Fritz Rutishauser nach dem Buche „Sieben Wochen auf der Eisscholle“, Verlag Brockhaus, Leipzig. Umschlag und Zeichnungen von Hans Ritter. Zürich o.J. (ca. 1950). SJW-Heft Nr. 336
Bezzola, Leonardo. Biographische Angaben http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D27192.php
Bracher, Hans: Die Eroberer des Südpols. Umschlag und Bilder von Willi Schnabel. Zürich 1948. SJW-Heft Nr. 305
- Vom Nordpol zum Südpol. Erlebnisse des Fliegeradmirals Richard Evely Byrd. Nach seinen autobiographischen Büchern dargestellt. Umschlagbild und Zeichnungen von Leonardo Bezzola. Zürich o.J. (ca. 1960). SJW-Heft Nr. 614
Brunner, Fritz: Fünfzig Jahre Schweizerisches Jugendschriftenwerk (SJW) 1931-1981. Zürich 1981
Erhalten wir es so! (1950/51). Zwanzig Jahre Schweizerisches Jugendschriftenwerk. Nicht gezeichneter Artikel in: Schweizerische Lehrerinnenzeitung. Bd. 55, S. 299
Heusser, Hans: Im Ballon zum Nordpol. Nach Zeitungsberichten und dem Buche „33 Jahre verschollen im Packeis“, von Adrian Mohr, Carsten Borchgrevink, Tryggve Gran, G.V.E. Svedenborg und Otto Sverdrup bearbeitet. Umschlag und Innenbilder von Hans Ritter. Zürich 1950. (=SJW Nr. 353)
Jünger, Ernst (1978): Das abenteuerliche Herz. Sämtliche Werke, Band 9. Stuttgart
Kiesel, Helmuth (2007): Ernst Jünger. Die Biographie. München
Lavater-Sloman, Mary: Nansens Kampf im treibenden Eis des Nordpols. Umschlagbild und Zeichnungen von Werner Hofmann. Zürich 1967. SJW-Heft Nr. 931, 2. Auflage
Linsmayer, Charles: "Ein geistiges Rütli für die Schweizer Jugend." 75 Jahre SJW Schweizerisches Jugendschriftenwerk. Zürich 2007. SJW-Heft Nr. 2279
Moeschlin, Felix. Biographische Angaben http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D6523.php
Quervain, Alfred de: Schweizerische Grönlandexpedition. Bern o.J. (um 1922). Jugendbücher / Schweizer Forschungsreisen
Schweizerisches Jugendschriftenwerk. Website http://www.sjw.ch/
Wartenweiler, Fritz: Fridtjof Nansen 1861-1930. Ein Held des Friedens. 1. Teil: "Vorwärts" (Fram) zum Nordpol. Umschlag und Zeichnungen von Walter Binder. Zürich 1950. SJW-Heft Nr. 11, 5. Auflage

Die Abbildungen der SJW-Hefte Nr. 305, 336 und 353 stammen aus den Beständen der Forschungsbibliothek Pestalozzianum (Zürich) http://www.phzh.ch/de/Forschung/Forschungsbibliothek-Pestalozzianum/

Weitere Kinder- und Jugendbücher
Gardi, René: Fische, die ertrinken. Umschlagbild von Willi Schnabel. Zürich o.J. (1954). SJW-Heft Nr. 489
- Von Lappen und Rentieren. Mit Bildern vom Verfasser. Zürich o.J. (1955). SJW-Heft Nr. 522)
Hiltbrunner, Hermann: Ein schweizerischer Robinson auf Spitzbergen. Die Erlebnisse vier Schiffbrüchiger in der Polarnacht. Zürich 1926
- Neuauflage. Bern 1959. Diese Ausgabe weicht inhaltlich von der Erstveröffentlichung ab.
Schmid, Heiri und Jürg Lendenmann: Globi und der Polarforscher. Zürich 2008

Nansen trifft 1896 auf Franz-Joseph-Land auf F.G. Jackson. Ill.: Werner Hoffmann  (SJW 931)


 

Dienstag, 12. November 2013

Sozialismus tiefgekühlt, von Urs Mannhart

Die Sowjetunion ist untergegangen. Doch im sibirischen Dorf Dikson lebt sie einfach weiter. Der 1975 geborene Schweizer Schriftsteller schreibt im 12. Heft der Zeitschrift "Reportagen" vom August 2013 über die nach einem amerikanischen Sponsor Erik Adolf Nordenskiölds benannte Siedlung bzw. Insel in der russischen Karasee.

Für 2 Franken kann der Artikel hier als PDF heruntergeladen werden:
http://www.reportagen.com/content/sozialismus-tiefgek%C3%BChlt

Dienstag, 5. November 2013

Fliegende Kissen, von Peter Balwin

Langsam aber sicher wird's auch in Mitteleuropa kühler. Da kann die Frage aufkommen, was unter diesen Umständen hervorragend vor Kälte schützt: die Daunen von Eiderenten.

Über Brutpflege, das Verhalten sowie über Freund und Feind dieser Tiere hat der Ornithologe und Arktis- und Antarktiskenner Peter Balwin in der aktuellen Ausgabe der "Polarnews" den lesenswerten Aufsatz "Fliegende Kissen veröffentlicht.
   
http://www.polarnews.ch/polarnews-magazin/polarnews-lesen/622-polarnews-18-oktober-2013

Und noch eine Anekdote zum Thema: In einer "Hytte" in der winterlichen Finnmark traf ich vor ein parr Jahren einen alten Bekannten. Der Junglehrer erzählte mir, dass er im Sommer zuvor auf Spitzbergen gewesen sei. Erfreut, ein gemeinsames Gesprächsthema gefunden zu haben, erkundigte ich mich bei ihm, was denn der Anlass zur Reise gewesen sei. Einen Job habe er dort gehabt, das Sammeln von Eiderdaunen. Von den Behörden alles höchst streng reglementiert natürlich, auch eine Flinte musste stets mitgeführt werden. Eines Tages, da habe er wieder Daunen aus einem Nest gepflückt. Und als er fertig gewesen sei und um sich geschaut habe, da sei ein Eisbär noch in sechs Meter Entferung von ihm gewesen. Auch der Eisbär überlebte diese Begegnung. Aufgewühlt schloss er den Bericht mit den Worten ab: Nie mehr im Leben werde er einen solchen Job annehmen!

Sonntag, 27. Oktober 2013

"Grönland macht den Weg für Bergbaukonzerne frei"

So der Titel eines Artikels in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 26. Oktober. Am letzten Donnerstag wurden zwei Entscheidungen getroffen, die Grönland zukünftig eine grössere wirtschaftliche Unabhängigkeit sichern sollen.

Die Regierung Grönlands schloss mit dem britischen Rohstoffförderer London Mining ein Abkommen über die Erschliessung der 150 Kilometer nördlich von Nuuk gelegenen Eisenerzmine Isua für dreissig Jahre ab. Künftig sollen dort jährlich 15 Millionen Eisenerz abgebaut werden, die Erschliessungskosten dafür gibt das Bergbauunternehmen mit 2,3 Milliarden Dollar an.

Grönland erhofft sich von dem Projekt Steuereinnahmen von umgerechnet 280 Millionen Euro jährlich. Das entspricht einem Fünftel des derzeitigen Bruttoinlandsprodukts. Rund 3'000 Stellen sollen für die Erschliessung der Mine geschaffen werden; dauerhaft rechnet die Regierung mit 750 zusätzlichen Arbeitsplätzen. Als wichtigste Anteilseigner von London Mining werden die Finanzinvestoren F&C Asset Management und Blackrock sowie der Staatsfonds von Singapur ausgewiesen. Chinesische Aktionäre seien bei London Mining nicht beteiligt, teilte ein Sprecher der Firma auf Anfrage der FAZ mit.

Gleichentags entschied das grönländische Parlament mit knapper Mehrheit, dass ein 1988 verabschiedetes Gesetz aufgehoben wird, das den Abbau radioaktiver Stoffe komplett verboten hat. Grönland könnte nun zu einem der zehn wichtigsten Uranlieferanten der Welt werden. Allerdings könnte es noch ein Veto Dänemarks geben, das in der grönlänischen Sicherheitspolitik ein Mitspracherecht hat.

Artikel im Tages-Anzeiger vom 4.11.13 http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/natur/Groenlands-Jagd-nach-Rohstoffen-veraendert-die-Arktis/story/10157665

Samstag, 12. Oktober 2013

Prix de Quervain 2013 für Polar- und Höhenforschung

Zum fünften Mal wird der "Prix de Quervain" für Polar- und Höhenforschung vom Swiss Committee on Polar and High Altitude Research, a Committee of SCNAT and SAMS verliehen.

Das Symposium und die Preisverleihung an Nicole Inauen ("Alpine Gletschervorfeldpflanzen unter erhöhter atmosphärischer CO2-Konzentration") und Lena Hellmann ("Arktisches Treibholz aus Grönland und Spitzbergen - Holzanatomische Klassifikation") finden am Mittwoch, 6. November 2013 von 18.00 - 20.30 Uhr im Alpinen Museum in Bern statt.

http://www.polar-research.ch/e/prix_de_quervain/symposium/2013/

Treibholz am Strand von Smeerenburg, NW-Spitzbergen (August 2003). Stefan Kern/Polararchiv Schweiz

Donnerstag, 22. August 2013

Emil Schulthess, Retrospektive (Fotostiftung Schweiz, Winterthur)

Emil Schulthess (1913-1996) gehört zu den Klassikern der Schweizer Fotografie der Nachkriegszeit. Seine monumentalen Bildbände über Destinationen wie [die Antarktis,] Afrika, China oder die Sowjetunion waren internationale Bestseller. Ab den 1970er Jahren wurde er als Erfinder der Flugpanoramen bekannt. Die Sonne zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk von Emil Schulthess - überall auf der Welt versetzte ihn ihr Anblick in ungläubiges Staunen. Sein berühmtestes Werk ist ein 24-Stunden-Panorama der Mitternachtssonne in Farbe, das 1950 in Norwegen entstand und weltweit Aufsehen erregte.

Der gebürtige Zürcher war ursprünglich Grafiker und erwarb fotografische Grundkenntnisse als Hospitant in Hans Finslers Fotoklasse. Ab 1936 arbeitete er beim Zürcher Druck- und Verlagshaus Conzett & Huber, von 1941 bis 1957 als Gestalter und Mitglied der Gründungsredaktion der Monatszeitschrift "Du".

Erste Reisen führten Emil Schulthess in den 1950er Jahren nach Afrika und in die USA, später folgten Ziele in Asien und Südamerika sowie die Teilnahme an einer Expedition der US Navy in die Antarktis. Zum 100. Geburtstag des Fotografen widmet ihm nun die Fotostiftung Schweiz eine erste, umfassende Retrospektive. (Aus dem Pressetext der Fotostiftung Schweiz)

Ausstellung vom 7. September 2013 bis 23. Februar 2014, Grüzenstrasse 45, 8400 Winterthur (Schweiz) http://www.fotostiftung.ch/de/ausstellungen/ausstellungsarchiv/emil-schulthess/

Unter dem Titel "Der Mann, der aus der Kälte kam" ist am 12. Oktober 2013 eine ausführliche Besprechung der Ausstellung von Urs Steiner in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen. 

Und: Am Mittwoch, 23. Oktober, 19:30 zeigt die Fotostiftung Schweiz den Film "Picture of Light" (1994): Unter der Regie von Peter Mettler http://www.petermettler.com/ entstanden, wurde der bemerkenswerte Streifen über die aurora borealis vom Zürcher Oberländer Kunstmäzen und -sammler Andreas Züst (1947-2000) http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D49976.php finanziert.





1. Foto: Expedition "Deep Freeze IV", Antarktis, 1959 © Emil Schulthess / Fotostiftung Schweiz / ProLitteris. 2. Foto: Mitternachtssonne, Hekkingen, Norwegen, Juni 1950, © E. Schulthess / Fotostiftung Schweiz / ProLitteris

Veröffentlichung 
Antarctica. Ein Bildband von Emil Schulthess. Vorwort Raymond Priestley; Texte: George J. Dufek, Henry M. Dater. Zürich: Artemis-Verlag, 1960
 

Mittwoch, 31. Juli 2013

Jost auf Disko (Teil 2). "Wie die Felsen lockten! Es war ja erster August, und da sollte ein Schweizer etwas Rechtes tun!" - Zwei Expeditionen des Berners Wilhelm Jost auf der westgrönländischen Insel Disko vor hundert Jahren

Kurze Zeit nach der Rückkehr Morten Porsilds, seines Sohns Thorbjörn und von Wilhelm Jost von der zweiwöchigen Schlitten-Expedition ins Innere der westgrönländischen Insel Disko im Mai 1913 (Post vom 19. Mai 2013) muss ein Versorgungsschiff in Godhavn eingetroffen sein.

An Bord war auch der 19jährige Student Lauge Koch. Es war seine erste Reise in die Arktis. Beauftragt war er nach fossilen Pflanzen zu suchen. Persönlich war er an Ornithologie interessiert. Im Jahr 1929 promovierte er mit "Stratigraphy of Greenland".

Im Rückblick auf den Sommer 1913 schrieb er: "Als die Reise wieder nach Süden ging und Grönlands Berge und Horizont verschwanden, war mein Entschluss gefasst: ich wollte die geologische Karte Nordgrönlands schaffen und die vorläufige Untersuchung des Landes abschliessen." (Koch 1928) Jahrzehnte später bilanzierte der französische Polarforscher Jean Malaurie seine Leistungen mit den Worten: "Über Generationen hinweg kann ihm auf diesem Feld kein anderer das Wasser reichen." (Malaurie 2003, S. 203)

Sein Onkel, der Infanteriehauptmann und Glaziologe Johan Peter Koch, befand sich in diesem Sommer noch weiter im Norden: Zusammen mit dem deutschen Geowissenschafter Alfred Wegener und zwei isländischen Kameraden gelang ihnen - nach Nansen 1888 und de Quervain 1912 - die dritte und bisher nördlichste Überquerung des Inlandeises.

Mitte Juli 1913 brachen Morten Porsild, Botaniker und Vorsteher der Arktischen Station in Godhavn, sein Sohn Thorbjörn, Wilhelm Jost und Lauge Koch sowie zwei Einheimische zur zweiten Expedition in diesem Jahr auf. Diesmal sollte mit der Clio borealis, einem kleinen Segel-Kutter mit Dieselmotor, die ganze Insel über die Ost- und die Nordküste umrundet werden.

Ende Juli erreichten sie die Westküste und liefen in den Nordfjord ein, den nördlichsten der drei Meeresarme, von dem dieser Teil der Küste geprägt ist. "Wir hatten vor drei Tagen das Schiff verlassen, um im Stordal dem nördlichen der drei grossen Täler, die in den tief in die Insel Disco hineingreifenden Nordfjord einmünden, eine Kartenskizze aufzunehmen. Wenn möglich, sollte der Zusammenhang des Stordal mit dem grossen Tale festgestellt werden, dessen Gletscherende wir im Mai anlässlich unserer Durchquerung des Discoinsel auf Hundeschlitten untersucht hatten. Trotz der ungünstigen Witterung verlief diese Arbeit befriedigend. Die kurzen, lichten Augenblicke, die uns eine 150-300 m hohe Nebelschicht gewährte, wurden umso eifriger ausgenützt. Leider durften wir nicht mehr Zeit für diese Arbeit verwenden."

Blick aus dem Stordal in Richtung Südosten. Skizze nach einer Fotografie Porsilds (Jost 1919)













Nach ausgiebigem Schlaf, der den 60 Kilometern Wegstrecke ins Stordal und zurück geschuldet war (Punkt 1 auf der untenstehenden Karte), wachte Jost in der Kajüte auf. In seinem Bericht "Augusttage an der Westküste der Discoinsel" schrieb er: "Und nun stand die Sonne am hellen Himmel und wob ihre Strahlen in den lichten Duft, der vom Nebel noch übriggeblieben war und die schwarzen,  kahlen, furchtbar ernsten Basaltwände hinter einem lichtgrauen Schleier verbarg. So erschienen diese beänstigenden Riesenmauern in die undeutlichste Ferne gerückt. [...] Sie mahnte mich an meine Pflicht. Neun Uhr war vorbei und die Terminbeobachtungen waren noch nicht gemacht. Da gewahrte ich erst, dass am Hinterteil des Bootes zwei Fähnchen im Winde wehten, beide rot und weiss, wie zwei Geschwister, das Dannebrogkreuz und das Schweizerkreuz. Es war heute der erste August, unser Bundesfeiertag. Wie hatte mein liebenswürdiger Wirt und Freund, der die Schweiz wohl kennt, das Fähnlein plötzlich herbekommen?

[...] Nachmittags fuhren wir über den Fjord und legten unter den Steilabstürzen des Südufers an. Tausend und mehr Meter hoch springen hier die schwarzen Basaltwände empor. Wie mächtige Bretter liegen die wenig gestörten Schichten übereinander. Säulenbasalt und basaltische Tuffe wechseln ab und begünstigen eine treppenartige Verwitterung der Felswände. Da und dort zeigten die Wände tiefe Nischen, in denen wie vorweltliche Riesenkröten tote Gletscher liegen, Gletscher, die ihr Firngebiet verloren haben und nun wie unter einer warzigen Haut von einer dicken Schuttdecke begraben sind. Von drei Seiten her werden fortwährend neue Blöcke auf die Leblosen heruntergerollt, als ob ihre Leichname täglich neu zu Tode gesteinigt werden sollten. Die Schuttdecke verwehrt den Sonnenstrahlen den Zutritt und verzögert daurch das vollständige Zusammenschmelzen der Gletscher. So ragt nicht weit von der Landungsstelle ein solcher Gletscher noch jetzt bis zum Meer hinab." (Punkt 2 der Karte)

Südküste des Nordfjord. Skizze nach einer Fotografie Porsilds (Jost 1919)



"Wie die Felsen lockten! Es war ja erster August, und da sollte ein Schweizer etwas Rechtes tun! Nach der Terminbeobachtung um 9 Uhr machte ich mich bereit und schwang meinen Rucksack über die Schultern; er war leicht. Ausser dem Feldstecher, einem Peilkompass, dem Aneroïbarometer [Dosenbarometer], einem Assmannschen Psychrometer [Hygrometer zur Bestimmung der relativen Luftfeuchtigkeit], einem Anemometer [Windmesser] war nur sehr wenig Proviant in Form von Chokolade drin. [...] In 600 m Höhe betrat ich um 10 Uhr 50 Minuten abends den Grat. [...] Ein derartig scharf ausgeprägter Grat gehört in der Basaltlandschaft von Disco zu den Ausnahmen. Die Basaltberge der Insel sind in typischer Ausbildung Tafelberge, die oft Gletscherkappen tragen. Die tiefen Taleinschnitte haben aber sehr schroffe Gehänge zur Folge. So sehen die Discoberge aus der Ferne betrachtet aus, wie wenn ein Zimmermann mit einer Riesensäge aus einem einen Kilometer dicken Stoss von Brettern herausgeschnitten worden wären.

"Dieser Grat aber ist scharf zugespitzt, weil sich südlich von ihm ein tiefes Paralleltal zum Fjord eingegraben hat, dessen Gletscherbäche, zu einem vereinigt, die Kette weiter westlich quer durchbrechen. Umso schöner war das Wandern, und besondere Schwierigkeiten boten sich vorläufig keine. So gelangte ich schon eine halbe Stunde vor Mitternacht auf eine Graterhebung, die ich der flammenden Farben wegen Nordlichtgipfel nannte. In 820 m Höhe wurde hier zum ersten Male Rast gemacht und mit dem Peilkompass die hauptsächlichsten Punkte des Horizonts aufgenommen. [...] Auch der weitere Verlauf des Grates bot keine technischen Schwierigkeiten. Einzig ein steiles, etwas breiteres Bollwerk verursachte etwelche Arbeit, indem es mir seine vom Steinschlag glatt gehämmerte Flanke zukehrte. Ein ideales Klettergestein war dieser Basalt nicht. Dagegen waren die Kamikker, die grönländischen Fellstrümpfe, in denen man sich so gut gewöhnt hatte, jede Zehe zu gebrauchen, ganz brauchbare Kletterschuhe. [...] Auf dem breiten Rücken, der sich an das Bollwerk anschloss, erreichte ich gegen zwei Uhr morgens des zweiten August die höchste Felsenegg der Kette. Ich befand mich 1126 m über dem Meeresspiegel."

Die drei Meeresarme, die die Westküste prägen: Nord-, Mellem- und Diskofjord





































"Östlich von mir lag eine breite Firnkuppe, mein nächstes Ziel, behaglich im Sonnenlicht. Auf der Wanderung dorthin gelangte ich auf eine schmale Scharte, auf der eine 15 cm breite Pfadspur ausgetreten war. Hier oben! Ich traute meinen Augen nicht. Bei näherer Untersuchung endeckte ich im sandigen Gräblein eine Menge Abdrücke von Pfoten und Krallen. Pflegte hier eine ganze Fuchsfamilie nach der Mahlzeit ihre Tausend Schritte zu tun? Dieser Schneegipfel (1230 m) wurde um 3 Uhr 10 Minuten erreicht. Der Firn- und Eisschild brach gegen den Fjord zu senkrecht ab und wies dort eine Mächtigkeit von ungefähr 30 m auf." Dieser Firn- und Eisschild war 20 Jahre später verschwunden, wie Jost auf der in den Jahren von 1931 bis 1933 aufgenommenen Karte feststellen musste.

"Die Kette bog nun etwas gegen Südosten um [... und] gegen fünf Uhr erreichte ich den Gipfel, der eine barometrisch gemessene Höhe von 1324 m aufweist (Punkt 3 der Karte; effektiv 1292 m). Trotzdem die Cirrostraten schon den grössten Teil des Nordhimmels bedeckten, blendete die Sonne bereits. In dem grossen, östlichen Tale vor mir lag ein bleicher, dunstiger Schleier, der besonders den im Schatten liegenden Nordhang vor allzu eindringlichen Blicken schützte. Umso herrlicher glänzten die Firnen und grossen Hängegletscher der Bergkette, die das Tal gegen Süde abgrenzt. Einen gerade gewaltigen Eindruck machte auf mich der grosse Talgletscher. Ich glaube, ich habe auf der Discoinsel keinen so grossen gesehen."

Hier erwog Jost den Abstieg in ein östlich gelegenen Tal, um von dort zurück an den Nordfjord zu gelangen. Doch sein Schuhwerk hatte gelitten und den Zeitbedarf veranschlagte er höher, als die Rückkehr auf der Route, auf der er gekommen war. "Dann wollte ich nicht, dass sich meine Kameraden um mich ängstigen sollten. So kehrte ich denn um. Um 8 Uhr morgens stand ich wieder auf der hohen Felsenegg und hatte damit den weniger interessanten Teil des Marsches hinter mir. An dem geringen Interesse, das mir die grossartige Szenerie abzwang, erkannte ich meine Ermüdung, trotzdem die Beine automatisch weiterarbeiteten. [...] Die Gratwanderung erfrischte mich wieder; einzig die griffarme Flanke des Bollwerkes bot einige unangenehme Stellen. Gegen 11 Uhr mittags betrat ich wieder das Boot. Das letzte Stück des Abstieges wurde mehr und mehr zu einem Büssergang. Die Sohlen meiner Kammiker waren durchgescheuert und auch die mir von meiner Mutter so fürsorglich gestrickten schafwollenen Strümpfe zeigten an den Sohlen grosse Löcher. Trotzdem meine Füsse seit bald anderthalb Jahren gut abgehärtet waren, fühlten sie sich doch erbarmungslos gepeinigt; denn Basaltgerölle sind hart und scharfkantig. Der Schlaf, den ich mir nach 27 Stunden wieder gönnte, war nur dadurch gestört, dass ich während der Zeit der stärksten Gezeitenströmung unsanft hin uns her gerollt wurde, sodass ich mich tüchtig gegen die Wände stemmen musste." (Jost 1919)

Die Clio borealis nahm darauf weiter Kurs nach Süden. Ein Sturm zwang sie, in der Buch von Ivigssarkut (Punkt 4 der Karte) Schutz zu suchen. "Aber noch im Hafen suchten starke Windstösse, die sich von den Bergen herunter stürzten, uns das Boot vom Anker zu reissen, so dass wir Wache stellen mussten." Als es aufgeklart hatte, fuhren sie tiefer in den Mellemfjord ein und ankerten an der Nordseite des Fjords, bei Itivdlersnak (Punkt 5 auf der Karte). Dort wurde das nordwärts führende Iterdlagssuaq-Tal erkundet. Am Abend des 6. August erreichten sie die Siedlung Kangerluk im Disko-Fjord, die bis heute bewohnt ist. Nach drei Wochen Fahrt war es das erste Mal, dass sie wieder auf Menschen trafen (Punkt 6 der Karte).

Arktische Station in Godhavn (Rikli 1911)
Wenige Tage später und nach mindestens 460 Kilometern Strecke auf See traf die Expedition wieder in Godhavn (heute: Qeqertarsuaq) ein, wo Porsild mit seiner Familie lebte. Spätestens im September müssen  die beiden Teilnehmer der "Schweizerischen Grönland-Expedition 1912-1913" Jost und Stolberg sowie Lauge Koch wieder nach Europa heim gereist sein.

Jost, der in Mathematik promoviert hatte, wurde nach seiner Rückkehr in die Schweiz als Physiklehrer an die Berner Realschule gewählt. Dort unterrichtete er bis 1952. Von 1924 bis zu seinem Tod im Jahr 1964 war er Mitglied und zuletzt Vizepräsident der Gletscherkommission der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft (SNG); ab 1931 war er an pionierhaften seismischen Untersuchungen auf dem Rhonegletscher beteiligt. Während seines Studiums war er dem Akademischen Alpenclub Bern und der Sektion Bern des Schweizer Alpenclub beigetreten; in Anerkennung seiner Verdienste wurde er später zum Ehrenmitglied gewählt.

Veröffentlichungen
Jost, Wilhelm (1919): Augusttage an der Westküste der Discoinsel. In: Akademischer Alpenclub Bern, Jahresbericht 13(1917/18). Bern. S. 33-48.
- Quervain, Alfred de und Wilhelm Jost: Aerologische Arbeiten in Verbindung mit isländischen Beobachtungen des K. Dän. Meterologischen Instituts. In: Ergebnisse der Schweizerischen Grönlandexpedition 1912-1913. Basel 1920. S. 311-402.
- Zur Erinnerung an Alfred de Quervain. In: Die Alpen. 3(1927). S. 48-51.
- Gletscherschwankungen auf der Insel Disco in Westgrönland. In: Zeitschrift für Gletscherkunde, für Eiszeitforschung und Geschichte des Klimas. 27. Band (1941). S. 20-28

Es wurden nur Veröffentlichungen berücksichtigt, die in einen unmittelbaren Zusammenhang mit Wilhelm Josts Aufenthalt in Grönland stehen. Sein Nachlass wird im Archiv der ETH Zürich aufbewahrt.

Veröffentlichungen zu Josts Leben und Werk
Adrian, H.: Wilhelm Jost 1882-1964. In: Mitteilungen der Naturforschen Gesellschaft in Bern. Neue Folge, 22 (1964). S. 321-324
H., R.: Dr. phil Wilhelm Jost 1882-1964. In: Verhandlungen der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft 144(1964). S. 267-268
Kuhn, Jürg (2005) Die Krafteinheit. In: 100 Jahre Akademischer Alpenclub Bern 1905-2005. Bern. S. 223

Literatur
Dawes, Peter R.: The Koch family papers. Part 1: New insight into the life, work and aspirations of Greenland geo-explorer Lauge Koch (1892-1964). Copenhagen, Geological Survey of Denmark and Greenland (GEUS), 2012. ISBN 978-87-7871-335-3 
Malaurie, Jean (2003): Mythos Nordpol. 200 Jahre Expeditionsgeschichte. Hamburg
Olsen, Anne und Karsten Secher: Gronlandforskeren Lauge Koch. (Polarprofiler). Kobenhavn 1964
Qeqertarsuaq, Disko Ø. 1:250'000. Saga-Maps. Kopenhagen. Ca. 1990.
Rikli, Martin und Arnold Heim: Sommerfahrten in Grönland. Frauenfeld 1911

In der Bildersammlung des Arktischen Instituts in Kopenhagen http://www.arktiskebilleder.dk sind die Fotografien Morten Porsilds zugänglich. Mit dem String Porsild 1913 können die Bilder von beiden Expeditionen aufgerufen werden.

Die Website des Arktischen Institut in Kopenhagen ist unter http://www.arktiskinstitut.dk/ zugänglich. Über die Geschichte der Arktischen Station informiert http://arktiskstation.ku.dk/english/about/history/

Und zum Schluss: Von Wilhelm Josts Aufenthalt auf der Insel Disko ist eine Anekdote überliefert "[Er] freundete sich mit der einheimischen Bevölkerung in Godhavn schnell an. Seine Grösse und seine Körperkräfte ermöglichten es ihm, unter jedem Arm einen 75 Kilogramm schweren Wasserstoffzylinder auf einmal zu tragen. Das imponierte den Inuit dermassen, dass '1 Jost' fortan zur Bezeichnung für die absolute Krafteinheit wurde." (Kuhn 2005)

Freitag, 12. Juli 2013

"Asgard lockt. Dieser Felsenklotz!" Zum 60. Jahrestag der Erstbesteigung des Mount Asgard (13. Juli 1953)

"Das 'Arctic Institute of North America' organisierte in Zusammenarbeit mit der 'Schweizerischen Stiftung für Alpine Forschung' die Baffin Island Expedition 1953. Sie hatte zum Ziel, das Berggebiet der Penny Highlands im südlichen Baffin Island (67° N) zu erforschen. Im Vordergrund standen Untersuchungen der grossen Eiskappe und der langen Gletscher, die mit ihren gewaltigen Moränen das Bild der Landschaft am Pangnirtung Pass prägen. Meteorologische Messungen auf dem Eisschild, sowie archäologische, zoologische und botanische Studien rundeten das Forschungsprogramm ab. 

Die Expedition unter der Leitung von Patrick D. Baird dauerte vom 12. Mai bis zum 13. September. Sie zählte 13 Teilnehmer aus Kanada, Grossbritannien und der Schweiz. Zehn Mitglieder hatten ihr Hochschulstudium bereits abgeschlossen. Sechs Wissenschafter brachten Erfahrungen aus früheren Polarexepditionen mit." (Schwarzenbach 2008)

Die Teilnehmer aus der Schweiz waren der Bergführer und Chemie-Ingenieur Jürg Marmet (1927-2013), der Geologe und Glaziologe Hans "Tschoon" Röthlisberger (1923-2009), Elektroingenieur Hans "Housi" Weber (1925-2009) und der Botaniker Fritz Hans Schwarzenbach (*1925).

"Die gesamte Cumberland-Halbinsel, ungefähr ebenso gross wie die Schweiz, ist Gebirgsland, mit kühngeformten Felsgipfeln und Plateaugletschern durchschnittlich 2000 m über Meereshöhe. Dieses Gebiet wurde zum ersten Male schon im Jahre 1585 von John Davis besucht, und manche von ihm benannte Örtlichkeiten finden sich noch auf den heutigen Karten. Erst freihundert Jahr später drangen weisse Forscher in das Landesinnere vor, während die Küsten den Walfängern wohlbekannt waren, insbesondere Captain Penny, der den Hogarth Sound (Cumberland Sound) wiederentdeckte. Der deutsche Anthropologe Boas verbrachte das Jahr 1883/84 in diesem Gebiet. Er überschritt den Kingnaitpass, machte eine bemerkswert genaue Karte hauptsächlich auf Grund von Beschreibungen der Eingeborenen und nannte das eisbedeckte Bergland westlich des Pangnirtungpasses 'Penny Island'.

Berge der Welt 1954
Als sich die 'Hudson Bay Company' und die 'Royal Canadian Mounted Police' anfangs der zwanziger Jahre in Pangnirtung niederliessen, wurde der Pass von Winterpatrouillen begangen, denen er mit seinen Schwierigkeiten als Schlittenroute einen gehörigen Respekt einflösste. Ebenso erging es dem Biologen J. Dewey Soper 1924, der uns die erste genaue Beschreibung davon gab. Gruppen der 'Geological Survey of Canada' unter Leitung von Weeks (1926/27) und Riley (1951) hatten die Küste des Cumberland Sound erforscht, aber das Landesinnere war grossenteils noch wissenschaftlich unbekannt.

Unsere Expedtion hatte die Flugaufnahmen von 1948 und 1949 zur Verfügung, aber die Höhen kannten wir nur aus den offiziellen Schätzungen von 2400 bis 2600 m für die Penny Ice Cap und von 2100 m für die verschiedenen Erhebungen; dazu kam noch Sopers Angabe, dass die Passhöhe 400 m betrage." (Baird 1954)

"Am frühen Morgen des 21. Mai 1953 startete Colonel P.D. Baird mit drei Mitgliedern, unter denen auch ich [Jürg Marmet] mich befand, in Pangnirtung zu einem Rekognoszierungsflug über das vorgesehene Expeditionsgebiet. [...] Dann umkreisten wir einen riesigen Felsturm mit 1000 m hohen, senkrecht abfallenden Wänden. Seit jeher fesselte der Anblick dieses Turmes die vorüberfliegenden Piloten. Uns blieb es schliesslich vorbehalten, ihm einen Namen zu geben und ihn zu besteigen: Mount Asgard (Thron der Götter)." (Marmet 1954)

Beim Ausfluss des Glacier Lake. Im Hintergrund Mt Asgard. (Schwarzenbach 2008)






"Wenn nicht sein Ruf und die Einmaligkeit eines Asgard gewesen wären, wir hätten vielleicht die Besteigung gar nicht versucht. Sie stand von der Zeit der ersten Planung bis kurz vor Beendigung ständig im Zeichen schwankender Stimmungen: eventuell möglich - unmöglich - möglicherweise möglich. In diesem Aufundab hatten wir vom Flugzeug aus den Berg betrachtet, mit diesem Leitmotiv führten wir die Unterhaltung während des stundenlangen Anmarsches über den Gletscher." (Röthlisberger 1954)

"Sonntag, 12. Juli 1953. Sonnig warm, Moskitos, leichter Südwind. [...] Pat will am 15. Juli ins Bergsteigerlager aufbrechen. So beschliessen wir, bis dahin den Mt. Asgard anzugehen. Wir werden um 01.00 Uhr aufstehen und vielleicht abreisen. Es braucht Zeit, bis wir alles Material beisammen haben und erst noch den Proviant aus den Kisten ausgegraben haben. Immerhin reicht es noch für zwei Stunden Schlaf.

Montag, 13. Juli 1953. Strahlendes Wetter, warm. Um halb zwei Uhr rasselt der Wecker, aber - um mit Carl Spitteler zu sprechen - 'am Anfang war der Schlaf'. Noch selten habe ich so Mühe gehabt, wach zu werden. Dreimal werde ich geweckt, dreimal schlafe ich wieder ein, bis ich in die Welt zurückkehre. Es bessert erst, als wir auf dem Gletscher 29 bei strahlendem Sonnenschein hinaufsteigen.

Der "Felsenklotz". Aufnahme: Fritz Hans Schwarzenbach
Asgard lockt. Dieser Felsenklotz! Ein riesiges Fass mit 1000 m hohen Wänden und einer weissen Decke darauf, wie es sich für ein uraltes Weinfass gebührt. Um halb acht Uhr machen wir auf 1250 m einen Halt für das zweite Frühstück. Es ist so warm und gemütlich zwischen den Steinen, dass alle vier wieder einnicken. Jürg - unser Bergführer - bringt uns nach einer Stunde endlich wieder auf die Beine." (Schwarzenbach 2008)

"Über Eisabbrüche, Felsrippen und Schneefelder arbeiteten wir uns unter die Scharte empor, wo eine senkrechte, teilweise leicht überhängende Stufe den direkten Anstieg in die Lücke versperrte und uns zu einem Quergang weit in die Wand hinaus zwang. Überall tropfte Wasser, sammelte sich in Spalten, Flechten und Moos und plätscherte über Felsvorsprünge in die Tiefe. Schliesslich erlaubten Risse und Bänder wieder das Vordringen in der Falllinie bis auf die Gratkante und über diese zurück in die Scharte.

Im alten Urner Führer steht in einer Routenbeschreibung über den Salbitschyn: 'Hier beginnt die Kletterei mit vollem Ernst.' Diese lakonische Bemerkung kam uns beim Betrachten den nun folgenden Stufe in den Sinn und verliess uns bis auf den Gipfel nicht mehr. Denn was nun folgte, waren schmale Risse und griffarme Kamine, Überhänge und Platten, wohlgemischt und von rieselndem Wasser bespült. Zum guten Glück ermöglichten horizontale Bänder nach jeder Steilstufe ein Verschnaufen und gute Sicherung. Sonst wären wir wohl kaum mit so wenig Haken ausgekommen.

Hans Weber steigt in den obersten Kamin ein.
(Berge der Welt 1954)
Die grosse, etwas ungewöhnliche Überraschung erwartete uns aber kurz vor dem Gipfelplateau. ein Bächlein sprang munter sprühend in einem kurzen Kamin von Stufe zu Stufe, von Stein zu Stein, und verlor sich schliesslich in der 800 m lotrechten Westwand. Doch hier mussten wir wohl oder übel durch. Ein mitten im Sprühregen geschlagener Haken mit Trittschlinge half uns rasch in die Höhe und um 6 Uhr abends standen wir auf der Schneekrone des Gipfels. Voll Freude blickten wir in die Tiefe, hinunter zum Basislager, nicht ahnend, dass zur selben Zeit einem unserer englischen Kameraden die letzte Lebensstunde schlug.

Vor der Nacht brauchten wir uns jetzt nicht zu fürchten. In aller Ruhe seilten wir über die Aufstiegsroute ab zum Einstieg zurück. Wie wir uns 26 Stunden nach unserem Aufbruch, kurz vor der Rückkehr ins Lager, nochmals umwandten, leuchtete unser Berg wieder im warmen Rot des aufsteigenden Lichtes." (Marmet 1954)

Jürg Marmet über den alpinistischen Palmarès des Sommers 1953
"Im Verlaufe des Sommers wurden acht Gipfel des Expeditionsgebietes bestiegen. Als schweizerischer Bergführer hatte ich dabei Gelegenheit, an allen Grosstouren teilzunehmen.

Der höchste Berg, die Tête Blanche (2156 m), wurde am 29. Juni von Röthlisberger, Weber und mir erstiegen. Alle vier Schweizer, also auch Schwarzenbach, erkletterten am 13. Juni [Juli!] den Mount Asgard (2011 m), den imposanten Felsturm, der nur mit künstlichen Hilfsmitteln und in sehr schwieriger Kletterei zu ersteigen war.

Zusammen mit Expeditionsleiter Colonel P.D. Baird bestiegen wir den Mount Queen Elizabeth (2138 m), den zweithöchsten und wohl schönsten Berg des Gebietes.

Der Aussichtsberg (1348 m), an dessen Fuss unser Basislager stand, wurde wohl von fast allen Expeditionsmitgliedern bestiegen. Zum Gedenken an unseren Kameraden Ben Battle, der am 13. Juli in der Nähe des Basislagers seinen Tod fand und dessen Grab von diesem Berg bewacht wird, nannten wir ihn Mount Battle. [Der 34jährige Geograph und Bergsteiger war in eine Spalte gestürzt und ertrank].

Am 27. Juni erkletterten Röthlisberger, Weber und ich einen hohen Felsturm unmittelbar über dem Lager A 3, der uns ein vollständiges Bild des Highwaygletschers von der Eiskappe bis hinunter an den Fluss vermittelte.

Im Alleingang bestieg ich am 5. August einen auffallenden Berg (ca. 2080 m hoch) östlich des Lagers A 3, der den nördlichen Talabschluss des Süd-Pangnirtung-Tales dominiert.

Weitere zwei Berge wurden von uns erstiegen, wobei das Ziel aber nicht in der Besteigung, sondern in der Ausführung einer Arbeit lag. So bestieg Weber einen Schneeberg (ca. 2100 m) östlich von Lager A 2 zum Filmen der Mitternachtssonne, und ich war auf einer Schneekuppe (ca. 2120 m) südlich A 2 zur Ausführung von Vermessungsarbeiten." (Marmet 1954)

Tête Blanche (Schwarzenbach 2008)

















Veröffentlichungen
Baird, Patrick D. (1954) Die Baffin-Island-Expedition 1953. Zürich. Berge der Welt, 9. Band. S. 144-146
Marmet, Jürg (1954) Cumberland - Ein Traumland für Bergsteiger. Zürich. Berge der Welt. 9. Band. S. 154-159
Röthlisberger, Hans: Baffinland 1953. In: 100 Jahre Akademischer Alpenclub Bern 1905-2005. Bern 2005. S. 234-241
- Forschung und Gipfel in der Arktis. In: 100 Jahre Akademischer Alpenclub Bern 1905-2005. Bern 2005. S. 223
- und Fritz Hans Schwarzenbach: Mitteilungen über die geographisch-naturwissenschaftliche Expedition 1953 nach Baffin-Island. In: Verhandlungen der Naturforschenden Gesellschaft, 136. Versammlung. Basel 1956. S. 182
- Rund um die Verpflegung und andere Glossen. In: 100 Jahre Akademischer Alpenclub Bern 1905-2005. Bern 2005.S. 242-245
- Seismic sounding. In: Arctic, Vol. 6 (1953), Nr. 4. S. 234-237
- Seismische Gletscheruntersuchung. Zürich 1954. Berge der Welt. 9. Band. S. 147-153
- Studies in glacier physics on the Penny ice cap, Baffin Island, 1953. Part 3, seismic sounding. In: Journal of glaciology; 2, 1955, nr. 18. S. 530-552
Schwarzenbach, Fritz Hans: Arktischer Bergfrühling. In: Berge der Welt. Band 13 (1961/62). S. 245-252
- Aus der Arbeit eines Botanikers in arktischen Gebirgen. Zürich 1954. Berge der Welt, 9. Band. S. 160-165
- Baffin Island Expedition 1953. A preliminary field report, botany. In: Arctic, Vol. 6 (1953), Nr. 4. S. 248-249
- (2008) Baffin Island 1953. Tagebuch einer Polarexepdition. Abschrift der stenographierten Originalfassung. Norderstedt, Books on Demand. ISBN 978-3-8370-5423-1. http://www.amazon.de/Baffin-Island-1953-Tagebuch-Polarexpedition/dp/3837054233
- Botanical observations on the Penny Highlands of Baffin Island. A historical document : results of the second Baffin Island Expedition by the Arctic Institute of North America (1953) under the leadership of Col. P.D. Baird. Norderstedt, Books on Demand, 2011. 160 S. http://www.amazon.com/Botanical-Observations-Highlands-Baffin-Island/dp/3842318847/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1373388205&sr=8-2&keywords=schwarzenbach+baffin
- Eine Expedition nach Baffinland. In: Jugendwoche 15(1959). S. 10-15
Weiss, Marcello, Fritz Hans Schwarzenbach und Hans Weber: Baffin Island. Arctic expedition summer 1953. Zug, Weissfilm, 2008. DVD-Video, basierend auf 16mm Originalaufnahmen, 35 Minuten. Schweizerdeutsch, Englisch, Französisch. 35 Franken. http://www.weissfilm.ch/produktionen/doku_baffin.php

Es sind lediglich die Arbeiten nachgewiesen, die einen unmittelbaren Bezug zur Expedition haben.

Über die weitere alpinistische Erschliessungsgeschichte von Baffin Island: Synnott, Mark: Baffin Island. Climbing, Trekking & Skiing. Surrey, B.C: Rocky Mountain Books, 2008. ISBN 978-1-894765-98-5. http://www.amazon.com/Baffin-Island-Mark-Synnott/dp/1894765982/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1373389071&sr=1-1&keywords=synnott+baffin

Dienstag, 25. Juni 2013

Ein neuer Schlitten soll es richten (TransarcticSolo 2015)


"Polarnews" 17(2013)
Ein flapsiger Spruch zu einem grossen Plan: In zwei Jahren wird der Berner Oberländer Thomas Ulrich seinen zweiten Versuch zur TransarcticSolo unternehmen. Die Reise soll - allein und ohne Unterstützung - von der russischen Küste über den Nordpol nach Kanada gehen.

Die Ausrüstung wird dabei eine eminent wichtige Rolle spielen. In Zusammenarbeit mit der Berner Fachhochschule für Technik und Informatik in Biel hat Ulrich einen neuen Schlitten entwickelt. Das erste Exemplar wurde beim Kajakhersteller Priyon aus Polyethylen geblasen.

Ohne Beschläge wiegt es 7,2 Kilogramm. Die Länge ist 1,65 m, die Breite 65 cm. Die Form überzeugt. Die harschen Temperaturen dürften für das Material unkritisch sein. Doch wird der relativ weiche Kunststoff auch den Abrieb durch das Eis vertragen können?

Website: www.thomasulrich.com

Sonntag, 23. Juni 2013

Grönlandreisen August Stolbergs und Alfred de Quervains - Sonderausstellung in Nordhausen am Harz


Polarforscher beim "Kaffe-Mik": Stolberg, Baebler, de Quervain sowie Stationsvorsteher Jens Fleischer. Aufnahme von Arnold Heim, Ikerasak, 8. August 1909 (Torm 2012)





August Stolberg begleitete Alfred de Quervain zweimal auf das Inlandeis Grönlands, 1909 und 1912. Mit Wilhelm Jost überwinterte er 1912/13 auf der Insel Disko. Der 15 Jahre ältere Stolberg, der Grönland bereits im Jahr 1907 bereist hatte, war für Alfred de Quervain wohl Berater und Freund zugleich. Gemeinsam veröffentlichten sie 1911 in der "Zeitschrift des deutschen und österreichischen Alpenvereins" einen Aufsatz über die alpinistischen Aspekte der Expedition von 1909 und im gleichen Jahr auch das Buch "Durch Grönlands Eiswüste". Es war ein solcher Erfolg, dass noch im gleichen Jahr eine zweite Auflage gedruckt werden konnte.

In launig gehaltenem Stil berichtete de Quervain in dem Buch über Stolbergs Kochkünste : "Dr. S. kocht fast immer [... und] lehnt ab, sich an bestimmte Beziehungen zwischen der Menge des verwendeten Materials und des Wassers zu halten. Öfters ist die Suppe wässrig - aber man hat Durst; öfters auch der Kakao. Namentlich anfangs musste man seine superiore Behandlungsweise solcher Kochfragen durch starken Milchzusatz korrigieren - es lässt sich überhaupt sagen, dass er in unkontrollierbarer Weise kocht und im Allgemeinen lieber das Minimum von Kochenszeit, Rührenszeit, Knollenzerdrückungszeit anwendet. Hier lässt ihn sein Idealismus "bis zum Ende" [im Original Griechisch] völlig im Stich. Aber die Hauptsache: er kocht und hat von seinem Bedürfnis, es sich unter den gegebenen Umständen doch möglichst bequem zu machen, manchmal erfreuliche Einfälle, und im Allgemeinen einen guten Humor, der auch durch die Kritik des Volkes nicht so leicht erschüttert wird. Das Volk waren Baebler und ich, und wie aus diesem Tagebucherguss ersichtlich, war das Volk zur Kritik manchmal sehr aufgelegt."

Kennengelernt hatten sie sich in Strassburg. Stolberg war beim Atmosphärenforscher Hugo Hergesell am meteorologischen Landesanstalt von Elsass-Lothringen als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Und Alfred de Quervain war von Hergesell als Sekretär der "Internationalen Kommission für wissenschaftliche Luftschiffahrt" angestellt worden.

Nach einer Stippvisite im Verlagswesen hatte Stolberg zuerst Kunstgeschichte in München studiert, dann Geographie und Meteorologie in Strassburg. In Bern promovierte er 1901 mit einer kunstgeschichtlichen Studie über den Schweizer Maler Tobias Stimmer, die vor gut 30 Jahren neu aufgelegt wurde. Ab 1923 war Stolberg dann als Direktor der städtischen Museen in seiner Heimatstadt Nordhausen am Harz tätig.

Die in Nordhausen gezeigte Ausstellung geht auf die Initiative des dänischen Schulleiters und -entwicklers Erik Torm zurück. Sie war im letzten Sommer an der ETH Zürich zu sehen. Erik Torm und Ole Jörgen Hammeken von Uummannaq Polar Institute stiessen bei ihren Recherchen nicht nur auf die bereits bekannten Fotografien Alfred de Quervains und Arnold Heims im Archiv der ETH Zürich, sondern im Arktischen Institut in Kopenhagen auch auf einen Bestand mit 700 Dias von Arnold Heim. Der Geologe Heim bereiste 1909 im Auftrag einer Minengesellschaft die Halbinsel Nuussuaq und die Insel Disko und traf mit Alfred de Quervain, Emil Baebler und August Stolberg am Ende ihrer Expedition zusammen. Die Ausstellung in Norhausen wurde mit persönlichen Gegenständen aus dem Nachlass August Stolbergs ergänzt, der von Hans-Dieter Werther gehütet wird.

Museum Tabakspeicher (Nordhausen am Harz), bis 18. August
http://www.nordhausen.de/news/news_lang.php?ArtNr=19030


Torm, Erik (2012) Schweizimiut Kalaallit Nunaanni. Drei Schweizer Expeditionen in Grönland. Three Swiss Expeditions in Greenland. Tre schweiziske ekspeditioner i Grønland. A Duck Soup Book/KKART. 79  Seiten, reich illustriert. ISBN 978-87-92850-00-3

Samstag, 25. Mai 2013

Warmes Leben in kaltem Wasser: Robben im Zoo Zürich

"Robben sind Bioindikatoren und charakteristische Bewohner nordischer Meere. An das nasse Element hervorragend angepasst, haben sie doch Elemente ihrer Abstammung von Landraubtieren bewahrt. Die Führung gibt vertieften Einblick in das Leben und Verhalten der Robben."

Führung im Rahmen der Vorlesung "Zwischen Feuer und Eis - Islands Tierwelt" von Prof. em. Dr. Ewald Isenbügel (Zoo-, Heim-, Wildtiermedizin, Universität Zürich) am Donnerstag, 13. Juni, 17.30-19h. Treffpunkt: Eingang Zoo. Informationen zur Vorlesung am 6. Juni und zur Führung: http://www.volkshochschule-zuerich.ch

"Herd of Seals, near the Devil's Thumb, Baffin Sea, Greenland." Verkleinerter Holzstich aus "The Arctic World illustrated", London ca. 1880

Sonntag, 19. Mai 2013

Jost auf Disko (Teil 1). Zwei Expeditionen des Berners Wilhelm Jost auf der westgrönländischen Insel Disko vor hundert Jahren

Die Atmosphäre auf der Arktischen Station in Godhavn muss anfangs Mai 1913 von konzentrierter Emsigkeit geprägt gewesen sein: Eine Expedition wurde vorbereitet. Kocher und Petrol, das Zelt und die schweren Schlafsäcke aus Rentierfell, Kleider, Messgeräte und Gewehre mussten bereitgestellt und revidiert werden. Einige Frauen Godhavns nähten vielleicht auch an Kamikern und Fäustlingen. In doppelter Ausführung mussten solche mitgenommen werden. Ging nur etwa ein Handschuh verloren, konnte eine solche Bagatelle ohne einen Ersatz üble Folgen haben.

Mit Jagderfolg war kaum zu rechnen. Auf der Insel gab es nur wenige Rentiere. Proviant für mindestens zwei Wochen musste also auch mitgenommen werden. Für die Hunde war das wohl getrockneter oder gefrorener Fisch. Für die Zweibeiner, Vater Morten Petersen Porsild, sein Sohn Thorbjörn und Wilhelm Jost, vermutlich Pemmikan und Speck. Ziemlich sicher Hafer, vielleicht auch Teigwaren. Sicher kamen dänische oder sogar Lenzburger Konserven "zum Einsatz". Honig, Kaffee und Schokolade sowieso.

Der Botaniker "Magista" Porsild hatte die im Süden der Insel gelegene Station im Jahr 1906 gegründet. Seit Herbst 1912 beherbergten er und seine Frau Johanne drei Gäste aus Europa: Die beiden Schweizer Physiker Paul-Louis Mercanton und Wilhelm Jost sowie den deutschen Meteorologen August Stolberg. Stolberg war ein "alter Grönland-Hase": Das erste Mal hielt er sich 1907 in Grönland auf. Un zwei Jahre später begleitete er mit Emil Baebler Alfred de Quervain auf seinem ersten, 26 Tage dauernden Vorstoss auf das Inlandeis.

Dieses Trio bildete die sogenannte West- oder Überwinterungsgruppe: Im Sommer hatte es der vierköpfigen Crew mit dem Leiter Alfred de Quervain durch die Seracs auf das Inlandeis geholfen. Während de Quervain und seine Leute  die 650 Kilometer entfernte Ostküste ansteuerten - und ihnen damit die zweite Inlandeis-Überquerung des gigantischen Eisschildes nach Nansen gelingen sollte -, kehrten die drei Männer und die einheimischen Helfer zur Westküste zurück. Den Sommer hindurch stellten sie dort glaziologische Untersuchungen an und zogen dann für die Überwinterung auf die Arktische Station um.

Im Vordergrund rechts Wilhelm Jost. In der Mitte August Stolberg, links Paul-Louis Mercanton. Hinter ihnen zwei einheimische Helfer und Führer.   




Bereits 1908 hatte Porsild Gäste aus der Schweiz: Die Botaniker Martin Rikli und Hans Bachmann. Sie   waren vermutlich die ersten Schweizer in Grönland. Ein Jahr später kamen Alfred de Quervain und der Geologe Arnold Heim auch zu Besuch.

Welche Motive den 30jährigen Berner Bauernsohn und Absolventen des Lehrerseminars Hofwil zu seinem anderthalbjährigen Aufenthalt auf Grönland bewegten, wissen wir nicht. Während seines Studiums am Physikalischen Institut der Universität Bern, das er nach seiner Lehrerausbildung aufgenommen hatte, war er Mitglied des Akademischen Alpenclubs Bern und der Sektion Bern des Schweizerischen Alpenclubs geworden. So steht immerhin fest, dass Jost unternehmungslustig war.

Am 7. Mai fuhren Porsild, Sohn Thorbjörn und Jost mit den Schlitten nach Norden los. Von März bis Mai ist Hochsaison für Schlittenexpeditionen; das Meereis ist dann noch nicht aufgebrochen und die Nächte sind hell. Inwieweit das Innere der Insel bereits vermessen war, ihnen gedruckte Karten zur Verfügung standen, ist unklar. Handskizzen besass Porsild vermutlich und aus mündlichen Beschreibungen kannte er wohl die alten Schlittenrouten und wichtige topographische Merkmale.

Dänische Seekarte aus dem Jahr 1888. Lediglich die Küstengebiete der Insel sind kartographiert, das Innere scheint komplett vergletschert zu sein. Aus: Martin Rikli und Arnold Heim: Sommerfahrten in Grönland. Frauenfeld 1911.


















Das nach Norden führende "Blasedalen" und sein Pass auf etwa 300 Metern Höhe konnten sie wohl in einem Tag nehmen (siehe Karte unten). Noch ein weiterer Pass von gleicher Höhe lag auf dem Weg in ihr erstes Untersuchungsgebiet. Jost darüber: "Der Haupttalgletscher war damals ein zusammenhängender Eisstrom von mindestens fünfundzwanzig Kilometer Länge, der das ganze Tal einnahm bis zur Ebene des Quanerssuit. Auf dem Gletschereise lag eine Schneeschicht von fünfzehn Zentimeter, die bis zur Isaks Varde (Punkt 2) bis auf fast einen Meter anstieg. Nachdem wir gegen fünf Uhr früh am westlichen Gletscherrande ungefähr bei Punkt 106 der heutigen Karte unsern Zeltplatz bezogen hatten, konnten wir diese eigentümlichen Verhältnisse näher untersuchen (Punkt 1). Es handelte sich um eine typische Gletscherüberschiebung. Der aus dem mächtigen Felsentor des Sorte Huk heraustretende östliche Seitengletscher hatte sich auf den Haupttalgletscher hinaufgeschoben. Auf dem Gletscher waren alte Seeterrassen mit feinen Schuttablagerungen noch sehr gut erhalten. Damit aber waren die Überraschungen dieser Landschaft keineswegs erschöpft. An diesen Seeboden schloss sich eine wenigstens anderhalb Kilometer lange Eisschlucht an, die am Haupttalgletscher schräg aufwärts von Südwesten nach Nordosten von Rand zu Rand durchsägte [sic]. Diese Eiscanõn war im Mittel etwa sechzig Meter breit, die senkrechten Eiswände zehn bis dreissig Meter hoch."

"Heutige Karte? - Die Zitate stammen aus dem Aufsatz "Gletscherschwankungen auf der Insel Disco in Westgrönland", den Jost fast drei Jahrzehnte später in der "Zeitschrift für Gletscherkunde" veröffentlichte. Inzwischen war die Insel nämlich vollständig kartographiert worden, in den Jahren von 1931 bis 1933. Jost verglich darauf seine eigenen Beobachtungen mit den zwanzig Jahre später gemachten Aufnahmen der Karte. Zuvor hatte er sich vergewissert: "Über die Genauigkeit der Karte teilte mir das Geodätische Institut in Kopenhagen mit, 'dass die zugrunde liegenden Messungen auf jeder Stufe eine solche Genauigkeit haben, dass in der fertigen Karte die gewöhnliche Kartengenauigkeit (0,2-0,3 mm) eingehalten ist'."

Die Ergebnisse seiner Untersuchung zusammenfassend: "Die angeführten Tatsachen zeigen, dass manche Gletscher der Insel Disco in Westgrönland schon im Jahre 1913 deutlich Zeichen eines Rückganges aufgewiesen haben und dass dieser Gletscherrückgang in den zwei Jahrzehnten von 1913 - 1933 ein erhebliches Ausmass erlangt hat. Die stärksten Rückgänge treten bei Gletschern auf, deren Zungen bis in geringere Meereshöhen hinunterreichen und nicht sehr grosse und ergiebige Nährgebiete aufweisen. Das Verschwinden eines Eisschildes auf etwa 1200 m Meereshöhe weist darauf hin, dass selbst in dieser relativ grossen Höhe Eisschwund eingetreten ist."


Nach dem Zwischenhalt im Quanerssuit-Tal zogen sie weiter nach Norden, auf den riesigen Gletscher auf über 1'000 Meter Höhe (Punkt 2 der Karte). "Auf diesem Hochlandeise haben wir im letzten Mai an manchem schönen Tage gearbeitet und die tiefe Todesstille auf uns einwirken lassen, die eine derartige Landschaft auf die menschliche Seele ausübt", schrieb Jost in seinem ersten Bericht für den Akademischen Alpenclub Bern, den er 1919 unter dem Titel  "Augusttage an der Westküste der Discoinsel" publizierte. Im 1941 veröffentlichten Bericht geht er ausführlicher darauf ein: "Am Gletscher, der von Isaks Varde in westlicher Richtung nach dem Stordal abfliesst, war schon im Mai 1913 auf lange Strecke hin eine wohl zwanzig Meter höher gelegene Ufermoräne erkennbar. Das Gletscherende lief flach gegen einen weiten ebenen Boden von mehr als einem Kilometer Länge aus. Dieser vom Gletscher nicht bedeckte Boden wurde am Rande durch eine riesige, quer zum Teil verlaufende Stirnmoräne, die gewaltigste, die ich in Grönland gesehen habe, abgedämmt. Auf Isaks Varde wurde an einem Föhntage um 9 a. m. eine Temperatur von + 3.4 Grad C abgelesen, die allerdings bis 11.45 p.m. wieder auf -13.0 Grad C und später auf -17.8 Grad C herunterfiel."

Und in einer Fussnote: "An hellen Tagen war die Strahlung bedeutend. Ich fand in einer Höhe von 400 m ü./M. ein Polster blühender Saxifraga grönlandica zu einer Zeit, da in Godhavn am offenen Meer noch keine Spur von einer Neubelebung der Vegetation zu bemerken war." Nach zwei Wochen kehrten Porsild, Thorbjörn und Jost zur Arktischen Station in Godhavn zurück. Ob sie bis zur Küste im Nordosten gefahren waren (Punkt 3), ist unklar  (von Jost ist kein Reisetagebuch überliefert; ob von Porsild Aufzeichnungen erhalten sind, wäre noch zu prüfen). Arnold Heim untersuchte dieses Gebiet im Auftrag der Grönlandsk Minedrifts A.-G. im Jahr 1909 im Hinblick auf Steinkohlevorkommen und Graphitlagerstätten. Später, in den Jahren von 1924 bis 1972, wurde in Qullissat Steinkohle abgebaut, über 1'500 Menschen lebten in der Siedlung. Heute gleicht sie einer Geisterstadt. Seine alpinistischen Fähigkeiten spielte Jost im Sommer 1913 aus:

"Wie die Felsen lockten! Es war ja erster August, und da sollte ein Schweizer etwas Rechtes tun!" In den Bergen an der Südküste des im Nordwesten der Insel gelegenen Nordfjords unternahm er eine 27stündige Alleinbegehung. Die Rekonstruktion der zweiten Expedition erscheint deshalb am 1. August 2013. Auf der Umrundung der Insel auf der Clio borealis mit Morten Porsild, Sohn Thorbjörn und Wilhelm Jost, nahm noch ein weiterer Gast teil. Jahre später war er einer der Protagonisten der Polarforschung für Jahrzehnte.

Die Fortsetzung von "Jost auf Disko" wurde am 31.7.2013 veröffentlicht.

Donnerstag, 9. Mai 2013

Walsaison, von Linus Reichlin

Auf den Färöern ist die Grindwaljagd der Höhepunkt des Jahres. Tierschutz und Tradition prallen dabei aufeinander. Die Arbeit des in Berlin lebenden Autors ist im Mai-Heft der Zeitschrift "Reportagen" www.reportagen.com erschienen. Die Zwischentitel der Reportage: "Tod eines Kalmars", "Grindweibchen", "Grindaformadur", "Der dritte Ort", "Sushi", "Feinde", "Ökonomie und Cadmium" sowie "Gemeinsamkeiten".

Und hier eine eigene Reminiszenz dazu: Ein Fleischgestell in Siorapaluk ("Schöner Strand") in NW-Grönland. Am Horizont die Herbert- und Northumberland-Inseln. Abends sah ich manchmal meine Nachbarin auf den Boden klettern, um sich ein Stück Fleisch abzuschneiden. Am Samstag bekamen jeweils auch die Hunde davon.

Fleischgestell in Siorapaluk (NO-Grönland). Stefan Kern/Polararchiv 2007



























Sonntag, 28. April 2013

Opas Eisberg, von Stephan Orths. Ein neues Ego-Dokument zur schweizerischen Grönland-Expedition 1912/13

Roderich Fick war Teilnehmer der zweiten Überquerung des Inlandeises. Der Sohn eines Augenarztes aus Deutschland wächst in Zürich auf. 1908 erfährt er von den Plänen einer Expedition Alfred de Quervains. Dieser lehnt die Bewerbung Ficks ab. Der eher ziellose, künstlerisch begabte Architekturstudent setzt darauf alle Hebel in Bewegung, um trotzdem an einer Expedition teilnehmen zu können. Vergeblich bewirbt er sich auch bei Wilhelm Filchner in Berlin für eine Antarktis-Reise. Eine geplante Expedition zum Nordpol von Ferdinand Graf von Zeppelin kommt auch nicht zustande. Roderich Fick reist darauf für ein Semester nach Dresden. Er besucht dort Seminare über Astronomie, Meteorologie und Vermessungskunde. Zusammen mit Freund Karl Gaule bewirbt er sich erneut bei Alfred de Quervain. Und werden angenommen.

Vor ungefähr zwei Jahren fiepst das Telefon: Der Enkel von Fick und Redaktor beim Spiegel hat erfahren, dass ich über de Quervain arbeite. Er besitze das Expeditions-Tagebuch seines Grossvaters. Das könne eine interessante Quelle sein, eine Ergänzung zum bereits bekannten Material, antworte ich. Er wolle das Tagebuch veröffentlichen und werde sich melden, wenn er mal in Zürich sei - Eine Geschichte aus zwei Perspektiven dargestellt; mit einer gewissen Spannung hat man auf die Publikation gewartet.  

Jetzt liegt das 270seitige Buch Stephan Orths vor. Was hat es mit dem Eisberg des Opas auf sich, fragt sich der Leser beim Titel. Wie geht "Ahnenforschung im Eis"? - so wirbt der Verlag für das Buch. Im Gepäck das Tagebuch des späteren "Leibarchitekten" Hitlers, reist die Familie Orth im Sommer 2011 an die ostgrönländische Küste. Schon über die Reisevorbereitungen erfährt man viel. Der Ficks-Bjerg wird bestiegen. Im Sermilik-Fjord, da sind auch der Gaule- und der Hössli-Bjerg auf Karten zu finden, benannt nach den Namen der beiden anderen Begleiter de Quervains.

Im Jahr darauf bricht Orth mit drei Kameraden unter Leitung Wilfried Korths erneut zur Ostküste auf. Im August soll auf der umgekehrten Route das Eis überquert werden. Der Adept hat sich vorher in Tschechien und auf der Hardangervidda auf das Leben unter borealen Verhältnissen vorbereitet. Auch darüber erfährt man recht viel Persönliches. Das Abenteuer in Grönland endet nach ein paar Tagen: Zwei der Pulkas weisen vom Durchhieven durch die vielen Schmelzwassergräben Schäden auf. Alles, selbst das Laptop, sind in doppelter Ausführung mitgenommen worden. Pulkas nicht. Demokratisch wird die Entscheidung getroffen, die Expedition an die Westküste abzublasen. Wenigstens die Abstiegsroute von de Quervain und seiner Crew soll jetzt noch nachvollzogen werden.

Zeltplatz Nr. 29 wird erreicht. Dort, am Rand des Inlandeises, errichtete die Crew um Alfred de Quervain am 21. Juli 1912 das letzte "offizielle" Lager. Der Geodät Wilfried Korth muss nach 100 Jahren mit dem GPS feststellen, dass das Niveau des Platzes 70 Meter tiefer liegt. Korth hat das Inlandeis auf der historischen Route schon zweimal aus eigener Kraft überschritten; um die Ablation auf den Grundlagen von 1912 zu messen.

Die Rückseite des Schutzumschlags verspricht das "Expeditionstagebuch". Doch im Buch ist es nicht integral abgedruckt. Nur den Anfang der Aufzeichnungen hat Roderich Fick in Grönland selbst verfasst, erfährt der Leser in der zweiten Hälfte des Buches. Die weiteren Einträge wurden nach der Rückkehr im Herbst 1913 und später, während seines Kolonialdienstes in Afrika, geschrieben. Im Buch sind einige ausdrucksstarke Bleistiftzeichnungen Ficks abgedruckt.

Dass Alfred de Quervain autokratische Züge hatte, davon berichtete er selbst. Von den beiden Jüngeren, Gaule und Fick, sollen de Quervain und Hössli offenbar als von "die junge Lüt" gesprochen haben! In einem Brief vom Dezember 1912 bringt Gaule gegenüber Freund Fick Enttäuschung und Polemik über "Q." zum Ausdruck. Das ist in die Kategorie des "Expeditions-Katers" einzuordnen - Ein Phänomen, mit dem schon viele Expeditionsteilnehmer Bekanntschaft machten.

Die ausführlichen biographischen Angaben zu Karl Granville Gaule sind dem Rezensenten neu. Während des Krieges wurde er zur Königlich Preussischen Flugzeugmeisterei berufen. "Flugzeugmeisterei"! Später war er als Privatdozent für Flugzeugbau an der Technischen Hochschule in Danzig tätig. Wie Hans Hössli auch, starb Gaule relativ jung, im Jahr 1922.

Wie ein "unentschlossener Schnurrbart" aussieht, oder, welches Idiom eigentlich mit "Schwyzerdütsch" gemeint ist, oder, dass ein enthusiastischer junger Mann über den Namen "Fick" ins Ventilieren gerät, das sind Details, die man dem Autor nachsehen mag. Man fragt sich nur, ob der Malik-Verlag - mit seiner stolzen Vergangenheit - noch ein Lektorat hat: Es würde solche Mängel beheben und das Buch nicht so geschwätzig und anrührend werden lassen.

Verlagsseite http://www.piper.de/buecher/opas-eisberg-isbn-978-3-89029-432-2