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Freitag, 12. Juli 2013

"Asgard lockt. Dieser Felsenklotz!" Zum 60. Jahrestag der Erstbesteigung des Mount Asgard (13. Juli 1953)

"Das 'Arctic Institute of North America' organisierte in Zusammenarbeit mit der 'Schweizerischen Stiftung für Alpine Forschung' die Baffin Island Expedition 1953. Sie hatte zum Ziel, das Berggebiet der Penny Highlands im südlichen Baffin Island (67° N) zu erforschen. Im Vordergrund standen Untersuchungen der grossen Eiskappe und der langen Gletscher, die mit ihren gewaltigen Moränen das Bild der Landschaft am Pangnirtung Pass prägen. Meteorologische Messungen auf dem Eisschild, sowie archäologische, zoologische und botanische Studien rundeten das Forschungsprogramm ab. 

Die Expedition unter der Leitung von Patrick D. Baird dauerte vom 12. Mai bis zum 13. September. Sie zählte 13 Teilnehmer aus Kanada, Grossbritannien und der Schweiz. Zehn Mitglieder hatten ihr Hochschulstudium bereits abgeschlossen. Sechs Wissenschafter brachten Erfahrungen aus früheren Polarexepditionen mit." (Schwarzenbach 2008)

Die Teilnehmer aus der Schweiz waren der Bergführer und Chemie-Ingenieur Jürg Marmet (1927-2013), der Geologe und Glaziologe Hans "Tschoon" Röthlisberger (1923-2009), Elektroingenieur Hans "Housi" Weber (1925-2009) und der Botaniker Fritz Hans Schwarzenbach (*1925).

"Die gesamte Cumberland-Halbinsel, ungefähr ebenso gross wie die Schweiz, ist Gebirgsland, mit kühngeformten Felsgipfeln und Plateaugletschern durchschnittlich 2000 m über Meereshöhe. Dieses Gebiet wurde zum ersten Male schon im Jahre 1585 von John Davis besucht, und manche von ihm benannte Örtlichkeiten finden sich noch auf den heutigen Karten. Erst freihundert Jahr später drangen weisse Forscher in das Landesinnere vor, während die Küsten den Walfängern wohlbekannt waren, insbesondere Captain Penny, der den Hogarth Sound (Cumberland Sound) wiederentdeckte. Der deutsche Anthropologe Boas verbrachte das Jahr 1883/84 in diesem Gebiet. Er überschritt den Kingnaitpass, machte eine bemerkswert genaue Karte hauptsächlich auf Grund von Beschreibungen der Eingeborenen und nannte das eisbedeckte Bergland westlich des Pangnirtungpasses 'Penny Island'.

Berge der Welt 1954
Als sich die 'Hudson Bay Company' und die 'Royal Canadian Mounted Police' anfangs der zwanziger Jahre in Pangnirtung niederliessen, wurde der Pass von Winterpatrouillen begangen, denen er mit seinen Schwierigkeiten als Schlittenroute einen gehörigen Respekt einflösste. Ebenso erging es dem Biologen J. Dewey Soper 1924, der uns die erste genaue Beschreibung davon gab. Gruppen der 'Geological Survey of Canada' unter Leitung von Weeks (1926/27) und Riley (1951) hatten die Küste des Cumberland Sound erforscht, aber das Landesinnere war grossenteils noch wissenschaftlich unbekannt.

Unsere Expedtion hatte die Flugaufnahmen von 1948 und 1949 zur Verfügung, aber die Höhen kannten wir nur aus den offiziellen Schätzungen von 2400 bis 2600 m für die Penny Ice Cap und von 2100 m für die verschiedenen Erhebungen; dazu kam noch Sopers Angabe, dass die Passhöhe 400 m betrage." (Baird 1954)

"Am frühen Morgen des 21. Mai 1953 startete Colonel P.D. Baird mit drei Mitgliedern, unter denen auch ich [Jürg Marmet] mich befand, in Pangnirtung zu einem Rekognoszierungsflug über das vorgesehene Expeditionsgebiet. [...] Dann umkreisten wir einen riesigen Felsturm mit 1000 m hohen, senkrecht abfallenden Wänden. Seit jeher fesselte der Anblick dieses Turmes die vorüberfliegenden Piloten. Uns blieb es schliesslich vorbehalten, ihm einen Namen zu geben und ihn zu besteigen: Mount Asgard (Thron der Götter)." (Marmet 1954)

Beim Ausfluss des Glacier Lake. Im Hintergrund Mt Asgard. (Schwarzenbach 2008)






"Wenn nicht sein Ruf und die Einmaligkeit eines Asgard gewesen wären, wir hätten vielleicht die Besteigung gar nicht versucht. Sie stand von der Zeit der ersten Planung bis kurz vor Beendigung ständig im Zeichen schwankender Stimmungen: eventuell möglich - unmöglich - möglicherweise möglich. In diesem Aufundab hatten wir vom Flugzeug aus den Berg betrachtet, mit diesem Leitmotiv führten wir die Unterhaltung während des stundenlangen Anmarsches über den Gletscher." (Röthlisberger 1954)

"Sonntag, 12. Juli 1953. Sonnig warm, Moskitos, leichter Südwind. [...] Pat will am 15. Juli ins Bergsteigerlager aufbrechen. So beschliessen wir, bis dahin den Mt. Asgard anzugehen. Wir werden um 01.00 Uhr aufstehen und vielleicht abreisen. Es braucht Zeit, bis wir alles Material beisammen haben und erst noch den Proviant aus den Kisten ausgegraben haben. Immerhin reicht es noch für zwei Stunden Schlaf.

Montag, 13. Juli 1953. Strahlendes Wetter, warm. Um halb zwei Uhr rasselt der Wecker, aber - um mit Carl Spitteler zu sprechen - 'am Anfang war der Schlaf'. Noch selten habe ich so Mühe gehabt, wach zu werden. Dreimal werde ich geweckt, dreimal schlafe ich wieder ein, bis ich in die Welt zurückkehre. Es bessert erst, als wir auf dem Gletscher 29 bei strahlendem Sonnenschein hinaufsteigen.

Der "Felsenklotz". Aufnahme: Fritz Hans Schwarzenbach
Asgard lockt. Dieser Felsenklotz! Ein riesiges Fass mit 1000 m hohen Wänden und einer weissen Decke darauf, wie es sich für ein uraltes Weinfass gebührt. Um halb acht Uhr machen wir auf 1250 m einen Halt für das zweite Frühstück. Es ist so warm und gemütlich zwischen den Steinen, dass alle vier wieder einnicken. Jürg - unser Bergführer - bringt uns nach einer Stunde endlich wieder auf die Beine." (Schwarzenbach 2008)

"Über Eisabbrüche, Felsrippen und Schneefelder arbeiteten wir uns unter die Scharte empor, wo eine senkrechte, teilweise leicht überhängende Stufe den direkten Anstieg in die Lücke versperrte und uns zu einem Quergang weit in die Wand hinaus zwang. Überall tropfte Wasser, sammelte sich in Spalten, Flechten und Moos und plätscherte über Felsvorsprünge in die Tiefe. Schliesslich erlaubten Risse und Bänder wieder das Vordringen in der Falllinie bis auf die Gratkante und über diese zurück in die Scharte.

Im alten Urner Führer steht in einer Routenbeschreibung über den Salbitschyn: 'Hier beginnt die Kletterei mit vollem Ernst.' Diese lakonische Bemerkung kam uns beim Betrachten den nun folgenden Stufe in den Sinn und verliess uns bis auf den Gipfel nicht mehr. Denn was nun folgte, waren schmale Risse und griffarme Kamine, Überhänge und Platten, wohlgemischt und von rieselndem Wasser bespült. Zum guten Glück ermöglichten horizontale Bänder nach jeder Steilstufe ein Verschnaufen und gute Sicherung. Sonst wären wir wohl kaum mit so wenig Haken ausgekommen.

Hans Weber steigt in den obersten Kamin ein.
(Berge der Welt 1954)
Die grosse, etwas ungewöhnliche Überraschung erwartete uns aber kurz vor dem Gipfelplateau. ein Bächlein sprang munter sprühend in einem kurzen Kamin von Stufe zu Stufe, von Stein zu Stein, und verlor sich schliesslich in der 800 m lotrechten Westwand. Doch hier mussten wir wohl oder übel durch. Ein mitten im Sprühregen geschlagener Haken mit Trittschlinge half uns rasch in die Höhe und um 6 Uhr abends standen wir auf der Schneekrone des Gipfels. Voll Freude blickten wir in die Tiefe, hinunter zum Basislager, nicht ahnend, dass zur selben Zeit einem unserer englischen Kameraden die letzte Lebensstunde schlug.

Vor der Nacht brauchten wir uns jetzt nicht zu fürchten. In aller Ruhe seilten wir über die Aufstiegsroute ab zum Einstieg zurück. Wie wir uns 26 Stunden nach unserem Aufbruch, kurz vor der Rückkehr ins Lager, nochmals umwandten, leuchtete unser Berg wieder im warmen Rot des aufsteigenden Lichtes." (Marmet 1954)

Jürg Marmet über den alpinistischen Palmarès des Sommers 1953
"Im Verlaufe des Sommers wurden acht Gipfel des Expeditionsgebietes bestiegen. Als schweizerischer Bergführer hatte ich dabei Gelegenheit, an allen Grosstouren teilzunehmen.

Der höchste Berg, die Tête Blanche (2156 m), wurde am 29. Juni von Röthlisberger, Weber und mir erstiegen. Alle vier Schweizer, also auch Schwarzenbach, erkletterten am 13. Juni [Juli!] den Mount Asgard (2011 m), den imposanten Felsturm, der nur mit künstlichen Hilfsmitteln und in sehr schwieriger Kletterei zu ersteigen war.

Zusammen mit Expeditionsleiter Colonel P.D. Baird bestiegen wir den Mount Queen Elizabeth (2138 m), den zweithöchsten und wohl schönsten Berg des Gebietes.

Der Aussichtsberg (1348 m), an dessen Fuss unser Basislager stand, wurde wohl von fast allen Expeditionsmitgliedern bestiegen. Zum Gedenken an unseren Kameraden Ben Battle, der am 13. Juli in der Nähe des Basislagers seinen Tod fand und dessen Grab von diesem Berg bewacht wird, nannten wir ihn Mount Battle. [Der 34jährige Geograph und Bergsteiger war in eine Spalte gestürzt und ertrank].

Am 27. Juni erkletterten Röthlisberger, Weber und ich einen hohen Felsturm unmittelbar über dem Lager A 3, der uns ein vollständiges Bild des Highwaygletschers von der Eiskappe bis hinunter an den Fluss vermittelte.

Im Alleingang bestieg ich am 5. August einen auffallenden Berg (ca. 2080 m hoch) östlich des Lagers A 3, der den nördlichen Talabschluss des Süd-Pangnirtung-Tales dominiert.

Weitere zwei Berge wurden von uns erstiegen, wobei das Ziel aber nicht in der Besteigung, sondern in der Ausführung einer Arbeit lag. So bestieg Weber einen Schneeberg (ca. 2100 m) östlich von Lager A 2 zum Filmen der Mitternachtssonne, und ich war auf einer Schneekuppe (ca. 2120 m) südlich A 2 zur Ausführung von Vermessungsarbeiten." (Marmet 1954)

Tête Blanche (Schwarzenbach 2008)

















Veröffentlichungen
Baird, Patrick D. (1954) Die Baffin-Island-Expedition 1953. Zürich. Berge der Welt, 9. Band. S. 144-146
Marmet, Jürg (1954) Cumberland - Ein Traumland für Bergsteiger. Zürich. Berge der Welt. 9. Band. S. 154-159
Röthlisberger, Hans: Baffinland 1953. In: 100 Jahre Akademischer Alpenclub Bern 1905-2005. Bern 2005. S. 234-241
- Forschung und Gipfel in der Arktis. In: 100 Jahre Akademischer Alpenclub Bern 1905-2005. Bern 2005. S. 223
- und Fritz Hans Schwarzenbach: Mitteilungen über die geographisch-naturwissenschaftliche Expedition 1953 nach Baffin-Island. In: Verhandlungen der Naturforschenden Gesellschaft, 136. Versammlung. Basel 1956. S. 182
- Rund um die Verpflegung und andere Glossen. In: 100 Jahre Akademischer Alpenclub Bern 1905-2005. Bern 2005.S. 242-245
- Seismic sounding. In: Arctic, Vol. 6 (1953), Nr. 4. S. 234-237
- Seismische Gletscheruntersuchung. Zürich 1954. Berge der Welt. 9. Band. S. 147-153
- Studies in glacier physics on the Penny ice cap, Baffin Island, 1953. Part 3, seismic sounding. In: Journal of glaciology; 2, 1955, nr. 18. S. 530-552
Schwarzenbach, Fritz Hans: Arktischer Bergfrühling. In: Berge der Welt. Band 13 (1961/62). S. 245-252
- Aus der Arbeit eines Botanikers in arktischen Gebirgen. Zürich 1954. Berge der Welt, 9. Band. S. 160-165
- Baffin Island Expedition 1953. A preliminary field report, botany. In: Arctic, Vol. 6 (1953), Nr. 4. S. 248-249
- (2008) Baffin Island 1953. Tagebuch einer Polarexepdition. Abschrift der stenographierten Originalfassung. Norderstedt, Books on Demand. ISBN 978-3-8370-5423-1. http://www.amazon.de/Baffin-Island-1953-Tagebuch-Polarexpedition/dp/3837054233
- Botanical observations on the Penny Highlands of Baffin Island. A historical document : results of the second Baffin Island Expedition by the Arctic Institute of North America (1953) under the leadership of Col. P.D. Baird. Norderstedt, Books on Demand, 2011. 160 S. http://www.amazon.com/Botanical-Observations-Highlands-Baffin-Island/dp/3842318847/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1373388205&sr=8-2&keywords=schwarzenbach+baffin
- Eine Expedition nach Baffinland. In: Jugendwoche 15(1959). S. 10-15
Weiss, Marcello, Fritz Hans Schwarzenbach und Hans Weber: Baffin Island. Arctic expedition summer 1953. Zug, Weissfilm, 2008. DVD-Video, basierend auf 16mm Originalaufnahmen, 35 Minuten. Schweizerdeutsch, Englisch, Französisch. 35 Franken. http://www.weissfilm.ch/produktionen/doku_baffin.php

Es sind lediglich die Arbeiten nachgewiesen, die einen unmittelbaren Bezug zur Expedition haben.

Über die weitere alpinistische Erschliessungsgeschichte von Baffin Island: Synnott, Mark: Baffin Island. Climbing, Trekking & Skiing. Surrey, B.C: Rocky Mountain Books, 2008. ISBN 978-1-894765-98-5. http://www.amazon.com/Baffin-Island-Mark-Synnott/dp/1894765982/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1373389071&sr=1-1&keywords=synnott+baffin

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