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Dienstag, 9. April 2013

"Ausgezeichnete Früchte auf Hasen-Insel." (Alfred G. Nathorst an Oswald Heer)


„Lieber hochgeehrter Freund! Vorgestern Abend spät trafen wir hier wieder ein. Reisen heute nach Gothenburg wo wir den 24. oder 25. an­kommen werden. Obschon ich nur etwa 4 Wochen, theilweise unter sehr ungünstigen Witterungsverhältnissen beim Waggatt zubringen konnte habe ich doch sehr umfassende Sammlungen (9 grosse Tonnen, 1/4 Tonne, 5 Kisten) von Pflanzenversteinerungen mitgebracht. Bei Atanekerdluk habe ich verschiedene Horizonte durch die ganze Schlucht entdeckt. Alles gehört zu den Ataneschichten, auf welchen die tertiären Lager hier diskordant liegen. Werde von Schweden ausführlicher schreiben. Ausgezeichnete Früchte auf Hasen-Insel. Nordenskiöld wanderte 130 Kilom. mit Schlit­ten, wurde dann durch loosen Schnee gehindert. Die Lappländer wanderten darauf noch 230 Kilom. bis 7000 Fuss  ü.M. Alles Schnee. Haben Kap York und Ost-Grönland auch besucht. Ihr A.G. Nathorst" (Burga 2013, S. 136/137)

So erstattete der schwedische Geologe und Paläobotaniker Nathorst dem Schweizer Naturforscher Oswald Heer (1809-1883) Bericht über die Ergebnisse einer Grönland-Expedition. Geleitet worden war sie von Adolf Erik Nordenskjöld. Nordenskjöld war es wenige Jahre zuvor mit der Vega gelungen, die Nord-Ost-Passage zu befahren. Nathorst gab die Postkarte nach seiner Rückkehr am 22. September 1883 in Thurso (Schottland) auf. Sie erreichte Heer zu Lebzeiten jedoch nicht mehr. Fünf Tage später verstarb er im Kreis seiner Familie in Lausanne.

Heer gilt als einer der Begründer der Paläontologie der Pflanzen und Insekten des Tertiärs sowie als Pionier der Pflanzengeographie der Schweizer Alpen. 1865 schrieb er einem Kollegen: "Es ist in letzter Zeit wieder der Gedanke in mir aufgetaucht, womöglich eine fossile Flora der arktischen und subarktischen Zone zusammenzustellen und zu publizieren"

Drei Jahre später begann sein monumentales Werk beim Verleger Schulthess in Zürich zu erscheinen: die "Flora fossilis arctica". Insgesamt sieben Bände erschienen bis 1883. Illustriert waren sie mit 400 grossformatigen Lithographien. Unter seiner Aufsicht waren sie von Spezialisten auf Stein gezeichnet worden.

Zwanzig Jahre seines Lebens beschäftigte sich der an der Universität Zürich und an der schweizerischen polytechnischen Schule (heute ETH) Lehrende mit diesem Thema. Kistenweise erhielt er arktische und subarktische Fossilien aus Museumssammlungen nach Zürich zugesandt.

Pflanzenfossilien von Spitzbergen (Svalbard). Nachlass des Botanikers Hans Hartmann (1926-2010)  


















Wie "vernetzt" Heer war, von wem die Fossilien gesammelt wurden und woher sie stammten, zeigt folgende Übersicht. Sie findet sich in dem 1885 und 1887 erschienenen "Lebensbild" des Forschers, das mehrere hundert Seiten umfasst.

Aus: C. Schröter: Oswald Heer. Zürich 1887, S. 260-267

"Many as have been the wonderful discoveries in Geology during the last half century, I think none have exceeded in interest your results with respect to the plants which formerly existed in the Arctic regions", so Charles Darwin 1875 in einem Brief an Heer.

Auch mit Louis Agassiz und Alexander von Humboldt korrespondierte der Naturforscher. Der Biogeograf und Herausgeber der ersten modernen Würdigung dieses Wissenschafters, Conradin A. Burga, hat insgesamt 650 Briefpartner ermittelt. An einem stilvollen Anlass wurde kürzlich das Erscheinen des opulent ausgestatteten Werks in der Zentralbibliothek Zürich gefeiert.

Oswald Heer 1809-1883. Paläobotaniker, Entomologe, Gründerpersönlichkeit. Conradin A. Burga (Hrsg.). Unter Mitarbeit von Urs B. Leu und mit Beiträgen von René Hantke, Stefan Ungricht, Milena Pika-Biolzi, Franziska Schmid, Rolf Rutishauser, Annette Bouheiry, Stefanie Jacomet und Angela Merz. Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2013. 512 Seiten, 167 Illustrationen. CHF 58.


"... in besonders glücklicher Stimmung." Aus dem Vorwort zu der 1885 erschienenen Schilderung der Jugendzeit Heers. Ein originaler Abzug dieser Fotografie wurde dem Buch beigegeben.
    

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