Follow by Email

Samstag, 26. April 2014

Russland, Europa, das Erdgas und Erdöl und die Arktis. Eine Momentaufnahme

Die energiepolitische Abhängigkeit Europas von Russland schliessen wirksame Massnahmen wegen der russischen Annexion der Halbinsel Krim und wegen seiner fünften Kolonne im Osten der Ukraine aus. Russland verkaufte Europa im vergangenen Jahr 138 Mrd. m³ Erdgas. Und dieses Jahr dürfte die Menge auf rund 155 Mrd. m³ zunehmen. Das entspricht rund einem Drittel des EU-Konsums. Vom russischen Erdöl fliessen rund 70% ebenfalls nach Europa.

Schiefergas
Die USA hingegen sind heute aufgrund des Frackings kaum mehr auf Gas von Drittstaaten angewiesen. Nach einer Schätzung der U.S. Energy Information Administration (EIA) besitzt in Europa die Ukraine - nach Polen, Frankreich und Norwegen - die viertgrössten technisch erschliessbaren Schiefergas-Vorkommen. Die Ukraine musste bisher jedoch rund die Hälfte des benötigten Erdgases aus Russland importieren. Der vom Kreml kontrollierte Lieferant Gazprom hat Anfang April den Preis dafür um insgesamt 81 Prozent erhöht.

Ein im letzten Jahr unterzeichnetes Abkommen Kiews mit Shell und Chevron sah vor, die Produktion von Schiefergas ab 2017 aufzunehmen. Für die geplanten beiden Felder im Osten (Yuzivska-Erdgasfeld im Donbass) sowie im Westen (Olesska-Block) des Landes würden jeweils Investitionen von 10 Mrd. $ erfordern. Da die neue ukrainische Regierung annimmt, dass eine in das Gemeinschaftsunternehmen mit Shell und Chevron involvierte Firma der Selbstbereicherung des Janukowitsch-Clans dienen sollte, sowie die gegenwärtige politische und militärische Unsicherheit, gefährden diesen Zeitplan nun aber.

Tanker statt Pipelines
Weltweit dürfte sich der Energiebedarf bis ins Jahr 2050 nahezu verdoppeln. Erdgas wird bei der Deckung dieser Nachfrage eine bedeutende Rolle spielen. Mit verflüssigtem Erdgas (Liquefied Natural Gas, LNG) kann die Anzahl der möglichen Lieferanten gesteigert werden. Bei der LNG-Technik wird Erdgas durch das Herunterkühlen auf -162°C verflüssigt, wodurch sich das Volumen um das 600fache verkleinert. In speziellen Tankern kann es verschifft und anschliessend regasifiziert werden. Pipelines zwischen Produzenten und Abnehmern - die Europa in einen regional abgegrenzten Markt und damit in Abhängigkeiten geführt haben - verlieren dadurch an Bedeutung.

Obwohl sich die europäischen Importe von LNG im Jahr 2013 nur auf 46 Mrd. m³ beliefen - was der niedrigste Wert seit 2004 und nur knapp die Hälfte der Importe des Jahres 2011 ist - stehen die Kapazitäten für verflüssigtes Erdgas bereit oder werden ausgebaut: 23 LNG-Terminals sind in Europa (inklusive der Türkei und Israel) in Betrieb. Deren jährliche Gesamtkapazität beträgt mindestens 196 Mrd. m³. Sieben weitere Anlagen mit einem Produktionsvolumen von 35 Mrd. m³ sind im Bau und mehr als 30 Anlagen mit einer Kapazität von 160 Mrd. m³ stehen in Planung.

Kurzfristig wird es jedoch schwierig sein, die Abhängigkeit vom russischen Erdgas durch eine vermehrte Nutzung von LNG zu senken. Die ersten Tanker mit LNG aus den Vereinigten Staaten, die mit der Förderung von Schiefergas ähnlich hohe Gasvolumina wie Russland produzieren, werden in zwei Jahren erwartet.

Zwar soll das weltweite LNG-Angebot durch die Erschliessung neuer Vorkommen in den kommenden drei Jahren um 30% steigen (letztes Jahr betrug das Volumen Jahr 330 Mrd. m³). Dem stehen aber hohe Kosten, Verzögerungen bei Projekten und der Rückgang des Angebots bestehender Produktionsstätten entgegen. Gleichzeitig wird mit einer jährlichen Steigerung der Nachfrage von 5% bis ins Jahr 2025 gerechnet. Die Preise für LNG in Asien und Lateinamerika liegen heute um 30% höher als in Europa und werden hoch bleiben - wovon auch Russland profitieren wird.

Arktis
Die in Westsibirien langsam zur Neige gehenden Ölvorkommen ersetzt Russland durch die Ausbeutung von Vorkommen in der Arktis. Mitte April hat die Förderplattform «Priraslomnoje» in der Petschorasee ihren Betrieb aufgenommen. Diese Bohrinsel sitzt noch in relativ einfachen Gewässern nahe der Küste auf 20 Meter tiefen Meeresboden auf. Weit schwieriger ist das Gebiet der östlich gelegenen Karasee. Dort soll der Meeresboden bis 2015 durch Russlands Rosneft, Norwegens Statoil und Eni aus Italien aufgebohrt werden.

Nördlich des Polarkreises werden nach einer im Jahr 2008 publizierten Schätzung des United States Geological Survey (USGS) ein Anteil der weltweiten mutmasslichen Reserven von 13% beim Erdöl, 30% beim Erdgas und 20% bei den Kondensaten vermutet; 84% davon sollen im Meeresgrund liegen. In seiner jährlichen Evaluation für die nationale Sicherheit schreibt das norwegische Verteidigungsministerium, dass die meisten vermuteten Rohstoffe anscheinend in den vom Seerecht geschützten ausschliesslichen Wirtschaftszonen der Anrainer lägen.

Grönland
Wann die vor Grönland vermuteten Erdöl- und Gasvorkommen ausgebeutet werden, ist ungewiss. Keine Gesellschaft hat sich mehr um Bohrlizenzen beworben, seitdem die schottische Cairn Energy 2010 und 2011 vor der Westküste Probebohrungen durchführte. Onshore sind heute zwei Projekte auf der grössten Insel der Welt baureif: Eine Eisenerz-Mine in Isua und die Kvanefjeld-Lagerstätte, die über die weltgrössten Reserven an Seltenerde-Metallen verfügt. Dort werden auch die grössten Uran-Reserven der Welt vermutet. Bis Ende Jahr wollen die Regierungschefinnen Grönlands und Dänemarks einen Kooperationsvertrag zur Frage ausarbeiten, ob das grönländische Parlament berechtigt war, das bis vor einem Jahr bestehende Abbau- und Exportverbot für Uran aufzuheben.

Quellen
Neue Zürcher Zeitung (www.nzz.ch) vom 26. Februar (Tiefer, kälter, riskanter), 14. März (Kanadas «Last Frontier» im hohen Norden), 21. März (Grönland kann sich seine Unabhängigkeit nicht leisten), 29. März (Die Faust im Sack sowie Rohe Beziehungen mit Russland), 5. April (Schiefergas wird für Kiew wichtiger), 18. April (Umstrittene Arktis-Ölplattform nimmt Öllieferungen auf), 19. April (Zähflüssige Erdgasmärkte) sowie vom 26. April 2014 (Europas Schwäche ist die Stärke Putins).

Aktualisierung: NZZ vom 1.2.2016

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen