Follow by Email

Dienstag, 4. März 2014

"The Eagle has landed!" Oder: Wozu ein Polararchiv Schweiz?




















Unschwer lässt sich das abgebildete Flugzeug als eine Norseman identifizieren. Diese Maschine wurde in den 50er-Jahren auch auf den Lauge-Koch-Expeditionen in Nordost-Grönland für Luftbildaufnahmen und für Transporte eingesetzt. Ob es sich bei dem Mann im braunen Anorak um den Piloten handelt? Wer sind wohl die beiden jungen Männer in Wollpullovern? Ein gänzlich unbekanntes Gebiet betritt man nicht mit Händen in den Hosentaschen! - Handelt es sich um einen dänischen Forscher oder um einen von den ungefähr 80 Schweizer Wissenschaftern und Alpinisten, die von 1932 bis 1939 und von 1947 bis 1958 an diesen Expeditionen teilgenommen haben? Manche von ihnen verbrachten viele Sommer dort. Einige auch die Winter; zum Teil freiwillig, unfreiwillig jedoch auch. 

Diese Aufnahme entstand im Jahr 1953 und stammt aus dem Nachlass des Basler Mediziners und Alpinisten Hans-Peter "Hape" Buess (1920-1997). Zwei Jahre zuvor hatte Buess einen ersten Sommer mit dem aufgehenden Stern am Himmel der Geologen John Haller (1927-1984) und dem Assistenten am Mineralogisch-petrographischen Institut in Basel Eduard Wenk-Heussi (1907-2001) im innersten Kejser Franz Joseph Fjord auf 73° nördlicher Breite verbracht. Im Jahr darauf wurde Wenk zum ordentlichen Professor für Mineralogie und Petrografie und gleichzeitig Vorsteher dieses Instituts ernannt. Buess nahm 1954 das letzte Mal an diesen Expeditionen teil. Sein Vermächtnis bleiben Dutzende von brillanten Aufnahmen in Kodachrome und in schwarz-weiss, Aufzeichnungen sowie weitere Dokumente.       

Im "Schweizer Lexikon" aus dem Jahr 1993 findet sich die erste Übersicht zu den Beiträgen der Schweiz zur Polarforschung. Verfasst hatte sie der Physiker Marcel de Quervain (1915-2007).

"Polarforschung […] Grönland: 1908 bereisten M. Rikli und H. Bachmann die W-Küste Grönlands bis auf die Breite der Insel Disko (ca. 78° N) und widmeten sich der Erforschung der Flora. Arnold Heim untersuchte 1909 im Auftrag eines dänischen Minenunternehmens die Kohlen- und Graphitlager auf der Insel Disko und der nördlichen gegenüberliegenden Halbinsel Nugsuak. Im selben Jahr unternahmen A. de Quervain, der Deutsche A. Stolberg und E. Bäbler nach zwei Erstbesteigungen an der W-Küste (Saddlen bei Sukkertoppen und Hjortetaken bei Godthåb) von der Umanakbay aus einen Vorstoss 150 km ins grönländische Inlandeis. Die Expedition war verbunden mit aerologischen Forschungen über die grönländischen Antizyklone mittels Pilotballonen.

R. Fick, K. Gaule, A. de Quervain u. H. Hössli auf der Fox 1912
1912: De Quervain kehrte mit R. Fick, K. Gaule, H. Hoessly, P.-L. Mercanton, A. Stolberg und W. Jost nach W-Grönland zurück. Mit Hundeschlitten gelang den vier Erstgenannten die erste Durchquerung des Inlandeises in W-O-Richtung zur Siedlung Angmagssalik. Diese Expedition lieferte u.a. ein topographisches Profil durch Mittelgrönland und eine Bestimmung der Firnakkumulation. Nahe der O-Küste wurde ein Berggebiet („Schweizerland“) entdeckt, dessen höchster Gipfel nach dem Glaziologen und Förderer der Expedition, F.-A. Forel, Mont Forel (3'360 m ü.M.) benannt wurde. P.-L. Mercanton, A. Renaud, J. Lugeon und T. Zingg beteiligten sich 1932/33 in O-Grönland und auf den benachbarten Inseln (inklusive Island) am Internationalen Polarjahr zur koordinierten Erforschung der polaren Meteorologie.

Mit Unterbrechung während des 2. Weltkrieges wirkten 1932-62 insbesondere Geologen an der Erforschung von O-Grönland beim von Lauge Koch geleiteten Projekt der dänischen Ostgrönland-Expeditionen mit. An den Arbeiten beteiligten sich gesamthaft rund 80 Schweizer, als erster der Geologe E. Wegmann (1932-39). Diese Arbeiten führten zu einer zusammenhängenden geologischen Aufnahme von O-Grönland und zu bedeutenden bergbaulichen Erschliessungen.

Treffen ehemaliger Teilnehmer der Lauge-Koch-Expeditionen am 7. September 1995 in Tennwil: Von links: Oliver Wackernagel, Kurt Bürgi, Gerold Styger, Klaus Stucky, Rudolf Frei, Emil Witzig, Peter Braun, Hans-Peter Thöni, Rudolf Trümpy, Theo Bearth, Armin Wyttenbach, Hansruedi von Gunten, Hans Röthlisberger, Fritz Hans Schwarzenbach (Gastgeber), Hanspeter Hartmann-Frick, Peter Schmid Mikkelsen (Gast), Wolf Maync, Markus Aellen, Bernardo Moser, Urs Hoessly, Walter Bisig, Eduard Wenk, Erdhart Fränkl (Gastgeber), Stefan Götz, Urs Grunder, Hanspeter Buess, Emil Graven, Paul Graeter.

1936 durchquerte M. Perez mit dem Franzosen P.E. Victor das Inlandeis von Christianshåb nach Angmagssalik. Eine alpinistisch-geographische Expedition unternahm 1938 der Akademische Alpen Club Zürich in die Gebirgsregion Schweizerland (A. Roch), in deren Verlauf die Erstbesteigung des Mont Forel sowie zahlreicher anderer Gipfel gelang. 1959 und 1967/68 wurde die von der Schweiz angeregte internationale Glaziologische Grönlandexpedition (EGIG) zur Erforschung der Bewegung und der Massenbilanz des grönländischen Inlandeises durchgeführt.

Das Physikalische Institut der Universität Bern unter H. Oeschger und B. Stauffer beteiligte sich 1971-75 am Greenland Ice Sheet Program (GISP), in dessen Rahmen in Zusammenarbeit mit Dänemark und den USA Eiskernbohrungen bis je rund 300 m Tiefe an mehreren Orten auf dem grönländischen Eisschild durchgeführt wurden, 1979-81 an der Tiefbohrung bei der US-Radarstation Dye 3 in S-Grönland, wo im August 1981 in 2'037 m Tiefe das Felsbett erreicht wurde. 1989 führte die Schweiz mit der EG in S-Grönland das Projekt EUROCORE durch. Ein Eisbohrkern bis 300 m Tiefe wurde auf ehemalige Spurenstoffe, Isotopenverhältnisse und Zusammensetzung der eingeschlossenen Gase untersucht, um die Veränderung der Atmosphäre im Verlauf der letzten 1'000 Jahre zu untersuchen.

Im Sommer 1990 begann auf Summit (3'200 m ü. M.; 72° 37' N, 37° 37' W) im Zentrum des grönländischen Eisschildes, im Rahmen des Greenland Icecore Project (GRIP), eine Kernbohrung durch den dort rund 3'000 m mächtigen Eisschild. An diesem internationalen Forschungsprojekt, koordiniert durch die European Science Foundation (ESF), arbeiten Wissenschafter aus Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Island, Italien und der Schweiz (Oberleitung B. Stauffer) zusammen, um die Klima- und Umweltgeschichte der letzten paar 10'000 Jahre zu rekonstruieren. Am 12.7.1992 wurde das Felsbett in 3'028,8 m Tiefe erreicht. Erste Ergebnisse zeigen, dass der Übergang vor der letzten Eiszeit zur Nacheiszeit in mehreren Stufen ablief und dass die Klimawechsel der einzelnen Stufen unerwartet rasch erfolgten.

1988-90 führte die Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie der ETHZ (A. Iken) in Zusammenarbeit mit der Universität von Alaska, Fairbanks, 50 km hinter der Front des in die Davis-Strasse fliessenden Jakobshavn-Eisstromes thermische Tiefbohrungen (bis 1'300 m) aus und nahm Geschwindigkeits- und Temperaturprofile auf. Die hohe Fliessgeschwindigkeit dieses schnellsten polaren Eisstromes lässt sich erklären mit einer mächtigen, in sich stark verformbaren und auf der Unterlage gleitenden Basisschicht von temperiertem Eis.

1990/91 untersuchte eine Expedition des Geographischen Instituts der ETHZ unter Leitung von A. Ohmura die Wärmebilanz an der Gleichgewichtslinie des Inlandeises und die Struktur der atmosphärischen Grenzschicht als Grundlage für die Berechnung einer Änderung des Eisschildes in Folge des Treibhauseffektes. A. Ohmura bearbeitete im Weiteren mit der NASA anhand von Satellitenaufnahmen grossräumig Oberflächentemperaturen, Albedo und Schmelzzonen des grönländischen Inlandeises (1992).

Im Rahmen des North-Water-Projekts auf Grönland werten Schweizer Forscher Klimadaten aus (Wetterstation Qaanaaq), und das Geobotanische Institut der ETHZ betreibt auf Grönland Feldstudien im Bereich arktisch-alpiner Pflanzenarten unter Leitung von A. Meyer.

Spitzbergen: Im Rahmen des internationalen Geophysikalischen Jahrs und dessen Fortsetzung untersuchten A. Junod und P. Wasserfallen 1957/58 in Spitzbergen luftelektrische Erscheinungen (Sferics) als Beitrag zur weltweiten Erfassung des globalen luftelektrischen Kreislaufes der Atmosphäre.

Das Geographische Institut Basel arbeitet unter der Leitung von H. Leser seit 1984 geoökologisch in Spitzbergen: 1984 Geoökosystemuntersuchungen am Hornsund (S-Spitzbergen); 1987 Geoökologische und bodenbioökologische Forschungen auf der Broggerhalbinsel in N-Spitzbergen (Raum Ny Alesund).

1990-92 Teilnahme an der Internationalen Geowissenschaftlichen Spitzbergen-Expedition zum Liefdefjorden (N-Spitzbergen) SPE '90-92 mit 14 Basler Teilnehmern. Forschungsschwerpunkte: Stoffumsätze in hocharktischen Geoökosystemen, Vogelklifftundren, biotische Aktivität im Boden, Klimaökologie und Satellitenfernerkundung - die letzten beiden Schwerpunkte unter der Leitung von E. Parlow.

Kanadische Arktis: 1950/53 führte eine Gruppe von Schweizern im Rahmen des Arctic Institute of North America (Montreal) und der Schweizerischen Stiftung für Alpine Forschung in Baffinland Bergbesteigungen (z.T. Erstbesteigungen, z.B. Mount Asgard, 1953) sowie geophysikalische und glaziologische Arbeiten durch.

Eisbohrkern auf McGill Ice Cap
1959 gründete F. Müller auf der Insel Axel Heiberg ein umfassendes naturwissenschaftliches Forschungsprojekt. Nach seinem Tod wurde es durch A. Ohmura zusammen mit der Trent University (Kanada) weitergeführt. 1971-81 untersuchten Müller und seine Mitarbeiter mit Hilfe zahlreicher, zum Teil automatischer Küsten- und Inselstationen das North Water, die grösstenteils eisfreie Zone (Polynya) der nördlichen Baffinbay.

Amerikanische Arktis: 1967-73 entdeckte und untersuchte H.G. Bandi im Rahmen eines Forschungsprogrammes des Seminars für Urgeschichte der Universität Bern auf der St.-Lorenz-Insel südlich der Beringstrasse Gräber der Okvik-, alten Beringmeer- und Punukkulturen aus der Zeit zwischen Christi Geburt und 1500 n. Chr. Sie stellen Parallelen zu Entdeckungen auf der Tschuktschenhalbinsel dar und beruhen darauf, dass die im 2. und 1. Jahrtausend v. Chr. von Alaska und Sibirien zurückgekehrten Inuit um Christi Geburt auf die für Walrossjagd besonders geeignete St.-Lorenz-Insel gelangten.

Antarktis: 1968-85 beteiligte sich das Physikalische Institut der Universität Bern an mehreren Eiskernbohrungen bei Byrd-Station, Siple-Station, am Südpol und auf dem Ross-Eisschelf im Rahmen des Antarktisprogramms der USA. Beachtliche Resultate des Instituts sind die Rekonstruktion des Anstiegs der CO2- und CH4-Konzentration in der Atmosphäre während der letzten 200 Jahre und die Entdeckung, dass der Übergang Eiszeit/Nacheiszeit ebenfalls von markanten Änderungen der atmosphärischen Konzentration dieser Gase begleitet war. Die eidgenössischen Räte beschlossen im März 1990 den Beitritt der Schweiz zum Antarktisvertrag von 1959." (Quervain 1993)

Man staunt über diesen Reichtum an Daten und Informationen - über die Tatsache, dass das Binnenland Schweiz über eine solide Tradition in der Polarforschung verfügt. Am St. Galler Kolloquium "Die Polarforschung und die Schweiz / Les régions polaires et les chercheurs suisses" im Dezember 1986 hielt Marcel de Quervain im Dezember über die Rolle der Schweiz fest:

"Wenn man von schweizerischen 'Beiträgen' spricht, hat das Wort seinen ursprünglichen Sinn: Schweizer haben vor allem mitgemacht, mit Anderen, um etwas hineinzutragen zum grossen Sammelergebnis der Polarforschung. Es ging nie um nationales Prestige, auch wenn gelegentlich patriotische Gefühle aufkeimen mochten, wenn das Schweizerfähnchen wehte - meist mit anderen zusammen." (Quervain 1988, S. 78)

Relativ spät, im Jahr 1984, fand dieses Forschungsgebiet durch die Schaffung im parastaatlichen "Gefäss" der "Schweizerischen Kommission für Polarforschung" der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft (SKP) (heute: Swiss Committee on Polar and High Altitude Research, SCNAT) sozusagen offiziell Anerkennung. Zu den forschungspolitischen Massnahmen, die eine Dekade später von dieser Kommission formuliert wurden, gehörte auch die "Einrichtung einer Informations- und Dokumentationsstelle an der ETH Zürich für Natur- und technische Wissenschaften sowie am IUHEI [Institut universitaire de hautes études internationales] in Genf für die Geistes- und Sozialwissenschaften sowie Politik." (SKP, 1995, S. 4)

Marcel de Quervains Artikel über Polarforschung im Schweizer Lexikon, in dem auf zahlreiche weitere Personen und Themen mit eigenen Artikeln verwiesen wird, fokussierte auf die Naturwissenschaften. Er beschränkte sich auch auf das 20. Jahrhundert. Doch die Zeitachse lässt sich verlängern, der geographische Raum und das thematische Spektrum lassen sich erweitern:

18. und 19. Jahrhundert, die russische Arktis und weitere Forschungsgebiete
Russische Arktis: Der Berner Patrizier, Ökonom und Geograph Samuel Engel (1702-1784) befasste sich mit der Frage nach der Längenausdehnung Asiens und mit der Möglichkeit einer Erschliessung der Nordostpassage.

Der Physiker Heinrich Wild (1833-1902) war von 1868 bis 1895 Direktor des physikalischen Zentralobservatoriums in St. Petersburg und Mitglied der Akademie der Wissenschaften. 1880 wurde er zweiter Präsident der "Internationalen Polarkonferenz" und von 1882 bis 1891 war er Herausgeber der "Mittheilungen der internationalen Polar-Commission". In Bern fand 1880 der zweite Kongress der Internationalen Polarkonferenz zur Koordination der Polarforschung statt, im darauffolgenden Jahr in St. Petersburg.

In den Jahren 1909/1910 war der an der ETH ausgebildete Bauingenieur Ernst K. Weber (1880-1973) Teilnehmer einer kleinen Expedition zur Vermessung der nordostsibirischen Küste von der Mündung der Kolyma bis zur Beringstrasse. Bereits totgesagt, gelangte er nach einer fünfmonatigen Überwinterung, während der er 400 Kilometer an der Pazifikküste im Alleingang aufgenommen hatte, nach 18 Monaten mit einem Schiff zurück nach Vladivostok.

Druck nach einer Skizze J. Webbers
Zählt man Kunst und Literatur auch zu den forschenden Tätigkeiten - und aus unserer Sicht gibt es keinen Grund es nicht zu tun -, so sind in einer Auswahl zu nennen:

John Webber, eigentlich Johann Wäber (1751-1793), Sohn eines nach London ausgewanderten Bildhauers aus Bern, absolvierte einen Teil seiner künstlerischen Ausbildung in der Schweiz. Von 1776-1780 nahm er als Expeditionsmaler und -zeichner an der dritten Südsee-Expedition James Cooks teil. Auch aus der Arktis brachte er wertvolles Bildmaterial und ethnographische Stücke nach London zurück. Einen grossen Teil seiner Sammlung vermachte er vor seinem Tod dem Historischen Museum in Bern. Ein literarisches Denkmal setzte ihm Lukas Hartmann im Roman "Bis ans Ende der Meere".

Der viele Jahre in München tätige Schweizer Hans Beat Wieland (1867-1945), der sich später einen Namen als Alpenmaler machte, schuf auf Spitzbergen eine ganze Reihe von Aquarellen und Gemälden. Als zeichnender Reporter für die "Leipziger Illustrierte" dokumentierte er 1896 und 1897 auch die Vorbereitungen zur hyperthrophen Nordpol-Ballonfahrt des schwedischen Ingenieurs Salomon August Andrée.

Umschlag von "Spitzbergen-Sommer"
Nach einem Aufenthalt auf Svalbard veröffentlichte der Stäfener Schriftsteller Hermann Hiltbrunner (1893-1961) im Jahr 1926 den Reisebericht "Spitzbergen-Sommer. Ein Buch der Entrückung und Ergriffenheit. Ein Buch der Natur". Der Literaturhistoriker Charles Linsmayer ordnete es als erstes literarisches Werk in deutscher Sprache über die Arktis ein. In diesem Buch schlägt einem neben Enthusiasmus auch entgegen, was mit dem kühlen Begriff "Deprivation" bezeichnet wird.

Auf Einladung Lauge Kochs verbrachte der Vermessungstechniker und Fotograf Ernst Hofer (1902-1987) ab dem Jahr 1949 vier Sommer in der Arktis. 1957 erschien dann sein Bildband über die Schönheit Nordost-Grönlands unter dem Titel "Arktische Riviera". Noch im gleichen Jahr erschienen französische und englische Ausgaben, im Jahr 1960 eine weitere in italienischer Sprache.

Während mehrerer Jahre bereiste der Engadiner Fotograf Guido Baselgia den Norden Finnlands und Norwegens; mit seinen Aufnahmen setzte er mit der 2004 veröffentlichten Monographie "Weltraum" einen künstlerischen Meilenstein in der Landschaftsfotografie. Und der Bieler Marco Paoluzzo veröffentlicht seit 1995 schon fast regelmässig fotografische Porträts von Island, den Färöern, von der gesamten Terra borealis.

Eine Reihe von weiteren Ereignissen, Namen und Leistungen sollen hier das Bild abrunden – ohne dass es damit schon komplett wäre:

Zwischen 1962 und 1963 sorgten der wegen Betrügereien vorbestrafte Mechaniker Gilbert Caillet (1926?-2007) und Bernard Robadey, ein windiger Redaktor der Schweizerischen Depeschenagentur für medialen Wirbel in der Schweiz: Ihr Plan sah vor, dass mittels "Sozialanteilscheinen" in der Höhe von 5 Millionen Franken und eines der Summe entsprechenden enormen Aufwands, die "Schweizerischen Antarktis-Expeditionen" gleich den ganzen Kontinent durchqueren sollten. Die Sache endete 1963 mit dem Konkurs der Genossenschaft und dem Verschwinden Caillets nach Guinea.

Jean Gabus (1908-1992) hielt sich 1938 auf der "Mission ethnographique suisse" (deren einziges Mitglied er selbst war) ein Jahr lang bei den Karibou-Inuit der Hudson Bay auf. 1944 schloss er sein Studium mit einer Promotion über ihre Kultur ab. Seine Sammlung mit Ethnographika bildet heute einen Pfeiler des Musée d'ethnographie de Neuchâtel, dessen Direktor er später wurde. René Gardi (1909-2000), der zwischen 1950 und 1990 zahlreiche Bücher und Reportagen über Afrika veröffentlicht hat, begann seine publizistische Karriere mit Reisen nach Nordskandinavien und in die Arktis.

War es das jugendliche "Hasardspiel" eines jungen Mannes aus bürgerlichem Haus oder Flucht aus einer tragischen Familiengeschichte, die den promovierten Juristen und Schweizer Meister im Skifahren Xavier Mertz (1882-1913) dazu bewegt hatten, sich als Teilnehmer bei der "Australasian Antarctic Expedition" zu bewerben? Als Betreuer der Schlittenhunde wurde er schliesslich vom Expeditionsleiter Douglas Mawson akzeptiert. Auf einer Expedition verloren er und sein englischer Kamerad Belgrave Edward Sutton Ninnis auf einer Expedition in der Antarktis ihr Leben.

Als am Abend des 9. Mai 2002 bei Christie's in der Londoner King Street der Hammer des Auktionators zum letzten Mal niedersauste, war die "Polar Collection Andreas Züst" mit Büchern, Fotografien, Tondokumenten und Gemälden für den Gegenwert von 700'00 britischen Pfund aufgelöst. Züst (1947-2000) war schon in jungen Jahren finanziell unabhängig und arbeitete beim "North Water Project" von Fritz Müller mit. Als eines seiner Vermächtnisse bleibt der Film "Picture of light" über die Aurora borealis. Er produzierte ihn mit dem schweizerisch-kanadischen Cinéasten Peter Mettler und wirkte darin auch mit.

Mit Aspekten der Geschichte der Schweizer Polarforschung befassten sich vor Marcel de Quervain schon andere: 1936 veröffentlichte der Botaniker Martin Albert Rikli (1868-1951) eine Übersicht über die Erforschungsgeschichte der Polarwelt. Eugène Wegmann (1896-1982), der von 1941 bis 1964 einen Lehrstuhl für Geologie in Neuenburg innehatte und als erster Schweizer 1932/33 in Nordost-Grönland überwinterte, rapportierte im Jahr 1943 "Ueber die Beteiligung schweizerischer Geologen an der Erforschung Nordostgrönlands (1932-1939)". Marcel Kurz (1887-1967), Topograf, Alpinist und Publizist, verfasste kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in der Reihe "Berge der Welt" ein Kapitel über Grönland, das die alpinistischen Leistungen von Schweizern zum Thema machte.

1956 erschien in Deutschland die Publikation des Botanikers Arthur Menzi-Biland "Der Anteil der Schweizer an der Erforschung Grönlands. 1. Dänische staatliche Expeditionen nach Nord-Ost-Grönland unter der Führung von Dr. Lauge Koch (1926)-1932-1954". Aus eigener Initiative hatte er einen Fragebogen entwickelt, den er rund 70 Teilnehmern dieser Expeditionen zur Beantwortung zuschickte.

John Haller (1927-1984) war Geologe und ab 1952 zehn Jahre lang wissenschaftlicher Mitarbeiter beim dänischen Grönlandministerium. Er war dort verantwortlich für den Abschluss der Geologischen Karte von Ost-Grönland zwischen 72 und 76° N. Für ein breiteres Publikum berichtete er 1962 über die Arbeit von mehreren Schweizer Forschergenerationen im Aufsatz "Wie die Basler Geologen an der Erforschung Grönlands mitgewirkt haben".

Zielsetzungen des Polararchivs Schweiz
Auf der St. Galler Tagung im Jahr 1986 äusserte Marcel de Quervain: "Ein weiterer Wunsch [neben einer verstärkten finanziellen Förderung der Polarforschung] betrifft die Schaffung eines schweizerischen Polarzentrums als Heimstätte für die sicher zahlreich verstreut vorhandenen historischen Dokumente und Objekte, die sonst Gefahr laufen sich zu verlieren." (Quervain 1988. S. 90)

Neben seinen wissenschaftlichen Leistungen ist es sein Verdienst, die Beiträge der Schweiz zur Polarforschung breiter bekannt gemacht zu haben. Er erkannte auch, dass ein kultureller Verlust eintritt, wenn diese Geschichte nicht gepflegt wird. Doch auch nach bald drei Jahrzehnten steckt eine solche Einrichtung erst in Kinderschuhen.

In Staats- und Hochschularchiven liegen zwar viele Personennachlässe. In der Regel jedoch nur dann, wenn diese Forscher mit einer staatlichen Einrichtung verbunden blieben. Der Nachweis von solchen Nachlässen und denjenigen, die etwa bei Vereinen liegen sowie die Auffindung und Erhaltung von Archivalien aus privater Hand, deren Bedeutung von den Erben oft gar nicht erkannt wird und deshalb vernichtet werden, bilden die zentralen Aufgaben des Polararchiv Schweiz. Eine von privater Seite initiierte Einrichtung, die sich als Verein oder als Stiftung konstituiert, schafft bei potentiellen Leih- und Nachlassgebern Vertrauen. Durch Vermittlungsarbeit sorgt sie für eine breitere Öffentlichkeit.

Die Meteorologin und Polarhistorikerin Cornelia Lüdecke formulierte für den im Jahr 1990 gegründeten "Arbeitskreis für Geschichte der deutschen Polarforschung" der Deutschen Gesellschaft für Polarforschung (DGP) Aufgaben und Zielsetzungen. In adaptierter Form und ergänzt um einige Punkte, seien sie hier wiedergegeben:
  • Untersucht werden sollen nicht nur die Fortschritte der einzelnen Disziplinen und die Versuche zur Institutionalisierung der Polarforschung, sondern im gleichen Masse auch die Verbesserungen der Messtechnik, der Logistik oder etwa die Forschungsfinanzierung usw.
  • Dem verfolgten multi- und interdisziplinären Ansatz entsprechend, soll die Polarforschung nicht nur isoliert betrachtet werden, sondern sie soll auch und gerade im politischen und wirtschaftlichen  Kontext sowie der Wissenschaftsgeschichte gesehen werden: Welche Strömungen begünstigten bzw. vereitelten welche Forschungsprogramme? Dazu gehört u.a. auch die Herausarbeitung der soziologischen Komponente, d.h. ("Wer hat wen gefördert?") 
Feldbuch Adolf Ernst Mittelholzers, Payer Land (NO-Grönland), Einträge vom 24./25.April 1939
























Konkrete Aufgaben stellen die nachfolgenden Themenkreise dar:
  • Auffinden und Zugänglichmachen von Vor- und Nachlässen (Tagebücher, sonstige Aufzeichnungen, Schriftwechsel, Fotos, Filme, Zeitungsausschnitte, Büchersammlungen, Erinnerungsstücke) schweizerischer Polarforschung ("Nichts soll verlorengehen")
  • Aufspüren und Zusammenstellen von Material schweizerischer Polarexpeditionen aus Archiven, Instituten und Museen  ("Was gibt es wo?")
  • Suche nach nicht ausgewerteten und veröffentlichten Beobachtungsmaterialien ("Vergleich mit heutigen Messungen")
  • Erstellen einer Biographie der Polarforscher und einer Bibliographie der Expeditionen dies vorerst bis [Lüdecke: "zum zweiten Weltkrieg"; Vorschlag für die Schweiz: bis 1990] in einer Datenbank als Arbeitsunterlage für historische Untersuchungen ("Notwendiges Nachschlagewerk") 
  • Erstellen eines Polarforscherstammbaumes ("Wer ist Schüler/Mitarbeiter von wem?"), wofür bibliometrische Methoden eingesetzt werden könnten. 
  • Erstellung einer Liste bisher veröffentlichter Artikel über historische Polarthemen, Biographien o.ä. ("Was ist schon bearbeitet")
  • Veröffentlichung historischer Themen und Vorbereitung von Vorträgen/Postern ("Wecken von allgemeinem Interesse")
  • Anregung zu kleineren Veröffentlichungen zu 50-, 75- oder 100-jährigen Gedenktagen ("Bekanntmachung historischer Meilensteine")
  • Förderung von Forschungsvorhaben mit historischen Themen ("Aufarbeitung der Materialien")
  • Wahrung des Archivbestandes ("Alles soll zugänglich und erhalten bleiben") 
  • Wissenschaftlicher Austausch ("Persönliche Kontakte")

Literatur und Quellen

Haller, John: Wie die Basler Geologen an der Erforschung Grönlands mitgewirkt haben. Ein Rückblick auf die dänischen Ostgrönland-Expeditionen 1926-1958 unter der Leitung von Dr. Lauge Koch. In: Basler Stadtbuch 1962. S.179-199.

- Papers of John Haller : an inventory. http://oasis.lib.harvard.edu/oasis/deliver/~hua08007

Kurz, Marcel: Grönland. In: Fremde Berge - ferne Ziele. Das Werk schweizerischer Forscher und Bergsteiger im Ausland. Bern 1948. S. 1-40.

Lüdecke, Cornelia (1991): Arbeitskreis für Geschichte der deutschen Polarforschung der Deutschen Gesellschaft für Polarfoschung. In: Polarforschung 60 (1990, erschienen 1991), Nr. 1. Bremerhaven. S. 61-62.

Mumenthaler, Rudolf: Im Paradies der Gelehrten. Schweizer Wissenschaftler im Zarenreich (1725-1917). Zürich 1996

Quervain, Marcel de (1988): Erdwissenschaftliche Beiträge der Schweiz zur Polarforschung in unserem Jahrhundert. In: Les régions polaires et les chercheurs suisses = Die Polarregionen und die schweizerische Forschung. Ed. par Commission Suisse de Recherche Polaire (CSP). (=Publikationen der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft, 2). Bern. S. 90

- (1993) Polarforschung. In: Schweizer Lexikon. Band 5. Luzern. S. 193-194
In diesem Artikel wird auf folgende Namen und Begriffe verwiesen, denen separate Artikel gewidmet wurden: Arnold Hein, Alfred de Quervain, Paul-Louis Mercanton, François-Alphonse Forel, Eugène Wegmann, Andre Roch, Internationale Glaziologische Grönlandexpedition (EGIG), Hans Oeschger, Bernhard Stauffer, Eiskernbohrung, Atsumu Ohmura, Internationales geophysikalisches Jahr, Sferics, Fritz Müller, Axel Heiberg, North Water, Polynya sowie Hans Georg Bandi.

Rikli, Martin: Aus der Erforschungsgeschichte der Polarwelt. (=Neujahrsblatt, hrsg. von der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich auf das Jahr 1936. 138 Stück.) Zürich

Schmidt Mikkelsen, Peter: North-east Greenland 1908-60. The trapper era. Cambridge 2008.

SKP (Schweizerische Kommission für Polarforschung) = (CSP) Commission suisse de recherche polaire: Die Polarforschung - Vom Abenteuer zur öffentlichen Aufgabe = La recherche polaire - de l'aventure à la mission publique. Bern 1995.  

Wegmann, C. E.: Ueber die Beteiligung schweizerischer Geologen an der Erforschung Nordostgrönlands (1932-1939). In: VSP Bulletin Nr. 34 (Dezember 1943). S. 3-7.

Bildnachweise
Hans-Peter "Hape" Buess: Kleinbild-Diapositiv auf Kodachrome, 1953.

R. Fick, K. Gaule, A. de Quervain und H. Hössli 1912 auf Deck des Expeditionsschiffes Fox. Barytpapier, ca. 50 x 60 cm. Polararchiv Schweiz.

Treffen ehemaliger Teilnehmer der Lauge-Koch-Expeditionen am 7. September 1995 in Tennwil. In: Schmidt Mikkelsen, Peter: North-east Greenland 1908-60. The trapper era. Cambridge 2008. S. 20

Ein Botaniker in West-Spitzbergen: Hans Hartmann 1970. Sverdruphamaren, 78° N. Diapositiv des  Botanikers Hans Hartmann (1926-2010). Teilnachlass im Polararchiv Schweiz.

Eisbohrkern auf McGill Ice Cap, Axel Heiberg Island. Fotografie des Glaziologen Fritz Müller (1926-1980). In: Müller, Fritz: Hoher Norden. Natur und Mensch in der Arktis. Zürich 1977. Abbildung 27. Polararchiv Schweiz.

Druck nach einer Skizze J. Webbers. Die originale Legende lautet: "Eine Frau aus Printz Wilhelms Sund". In: Geschichte der See-Reisen und Entdeckungen im Süd-Meer, Berlin 1788, 7. Band. Radierung, ca. 21 x 15 cm. Forschungsbibliothek Pestalozzianum (Zürich)

Umschlag von "Spitzbergen-Sommer. Ein Buch der Entrückung und Ergriffenheit. Ein Buch der Natur. Zürich, Orell Füssli, 1926. Lithographie. Zentralbibliothek Zürich

Feldbuch Adolf Ernst Mittelholzers, Payerland (NO-Grönland), 24. u. 25.4.1939. Doppelseite aus dem dreibändigen Feldbuch des Geologen Adolf Ernst Mittelholzer (1906-1984). Nachlass im Polararchiv Schweiz.

Die Goodthab vor der Küste Ost-Grönlands, Sommer 1938. Restaurierte Fotografie Adolf Ernst Mittelholzers (1906-1984). Kleinbild-Negativ. Nachlass im Polararchiv Schweiz.

Die Goodthab vor der Küste Nordost-Grönlands im Sommer 1938. Restaurierte Fotografie von A. E. Mittelholzer.






Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen